Kapitel 1. Der Besucher aus Kessin
Die Sonne schien auf die Dorfstraße von Hohen-Cremmen, an der das große Haus der Familie von Briest stand. Der Garten lag im Schatten. Mutter und Tochter saßen an einem großen, runden Tisch und arbeiteten an einem farbigen Teppich. Von Zeit zu Zeit stand Effi, die Tochter, auf und machte Gymnastikübungen, dazu lachte sie. Sie trug ein Matrosenkleid. Ihre braunen Augen verrieten, dass sie klug und lebenslustig war.
„Effi, du möchtest wohl Kunstreiterin werden!“, rief die Mutter.
„Vielleicht, Mama. Aber wer ist daran schuld? Bestimmt nicht Papa. Du bist schuld. Warum bekomme ich keine eleganten Kleider? Warum machst du keine Dame aus mir?“
„Möchtest du das?“
„Nein“, sagte Effi, lief zu ihrer Mama und küsste sie wild.
„Nicht so wild, Effi. Ich mache mir immer Sorgen, wenn ich dich so sehe.“
In diesem Moment traten drei junge Mädchen in den Garten. Sie küssten Frau von Briest die Hand.
„Ich gehe ins Haus, dann seid ihr allein“, sagte diese und entfernte sich.
Die Zwillinge Hertha und Bertha waren fröhlich und hatten krauses, rotblondes Haar. Die dritte junge Dame war Hulda, die Tochter des Pastors. Sie sah älter aus als die anderen und war etwas langweilig.
„Nun ist deine Mama wegen uns weggegangen“, sagte Hulda.
„Nein, sie wollte ohnehin gehen. Sie erwartet Besuch. Ein alter Freund kommt. Ich habe ihn schon in Schwantikow gesehen. Ein Landrat, sieht sehr gut aus, sehr männlich. Ich könnte euch eine Liebesgeschichte erzählen …“
Die Freundinnen blickten sie mit großem Interesse an.
„Aber ich erzähle sie erst, wenn Hertha von den Stachelbeeren hier auf den Tisch genommen hat, sie blickt ja ständig darauf. Nimm, so viel du willst. Aber wirf die Schalen nicht zu Boden, Mama sagt immer, dass man sich sonst das Bein brechen kann.“
„Das glaube ich nicht“, sagte Hertha.
„Ich auch nicht“, sagte Effi. „Und du, Hulda?“
„Es ist bestimmt besser, wenn man aufpasst.“
„Ach, du bist doch eine alte Jungfer.“
„Ich heirate vielleicht schneller als du.“
„Gern. Ich habe es nicht eilig.“
„Gut, erzählst du uns nun die Liebesgeschichte?“
„Also, der Landrat heißt Geert von Innstetten.“
Alle drei lachten. „So heißt doch hier kein Mensch! Ach, die adligen6 Namen sind oft so lustig!“
„Davon versteht ihr nichts, aber das macht nichts, wir bleiben doch gute Freunde. Geert von Innstetten ist Baron und genau gleich alt wie Mama, achtundreißig. Als er noch keine Zwanzig war, war er hier in der Nähe im Regiment. Er ging oft nach Schwantikow, zu meinem Großvater. Natürlich nicht wegen ihm, sondern wegen Mama.“
„Und dann?“
„Es kam, wie es kommen musste. Er war ja noch viel zu jung, und als ein adliger Gutsbesitzer kam, mein Papa, heiratete sie diesen und wurde Frau von Briest. Innstetten hatte genug vom Soldatenleben, studierte Jura und wurde Landrat in Kessin. Das ist weit weg von hier, das ist ein Badeort in Hinterpommern.“
Sie sprachen noch eine Weile so weiter, bis Effi plötzlich aufsprang und rief: „Lasst uns Fangen spielen!“ Sie rannte davon.
„Effi, wo bist du?“, riefen die Freundinnen und rannten ihr nach.
„Effi!“, hörte man da die Mama rufen.
Effi rannte zu ihr.
„Aber Effi, du trägst immer noch dein Matrosenkleid, und der Besuch ist schon da!“
Effi rief ihren Freundinnen zu: „Spielt nur weiter, ich bin gleich wieder da.“ Dann ging sie mit der Mama ins Haus und sagte: „Mama, der Besuch ist zu früh gekommen, es ist noch nicht eins. Warum kommt er so früh? Aber ich ziehe mich nun rasch um, in fünf Minuten bin ich eine Prinzessin.“
Frau von Briest sah Effi an und sagte: “Du musst dich eigentlich gar nicht umziehen, du siehst gerade sehr gut aus. Und das ist jetzt wichtig. Ich muss dir nämlich sagen, meine süße Effi …“ Sie nahm beide Hände ihres Kinds. „Ich muss dir nämlich sagen …“
„Aber Mama, was hast du nur? Du machst mir ja Angst!“
„Ich muss dir nämlich sagen, dass Baron Innstetten dich heiraten möchte.“
„Mich heiraten? Ist das ein Scherz?“
„Darüber macht man keine Scherze. Du hast ihn vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Wenn du nicht nein sagst, stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen.“
Effi schwieg und suchte nach einer Antwort. Da kamen plötzlich ihr Vater und der hübsche Baron Innstetten. Effi begann zu zittern, als Innstetten näherkam und sie freundlich grüßte, aber in diesem Moment wurden im Fenster die rotblonden Köpfe der Zwillinge sichtbar. Hertha rief in das Haus hinein: „Effi, komm!“
Dann sprangen die beiden Schwestern wieder in den Garten, und man hörte nur noch ihr leises Kichern und Lachen.
Noch am gleichen Tag verlobte sich Baron Innstetten mit Effi Briest. Beim Verlobungsmahl sagte Vater von Briest: „Wir wollen nun alle Du sagen. Mama bleibt Mama, aber mich nennt bitte nicht Papa, sondern Briest, das ist so schön kurz. Und die Kinder …“ Briest sah Innstetten an, der nicht viel jünger als er war. „Nun, Effi ist Effi und Geert Geert. Geert ist ein schlanker Stamm, und Effi soll der Efeu6 dazu sein.“
Frau von Briest sagte: „Briest, poetische Bilder lass bitte weg, das kannst du nicht.“
Briest sagte: „Es ist möglich, dass du recht hast, Luise.“
Nach dem Verlobungsmahl eilte Effi zu Hulda. Sie dachte: ,Ich glaube, Hulda wird sich ärgern. Nun war ich doch schneller als sie.‘
Aber Hulda sagte nicht viel. Dafür sagte ihre Mutter: „Ja, ja, so geht es. Wenn es die Mutter nicht sein konnte, dann muss es die Tochter sein.“
Zu den Zwillingen ging Effi natürlich auch.
„Effi, ist es denn der Richtige?“, fragte Hertha.
„Natürlich ist es der Richtige. Jeder ist der Richtige. Natürlich muss er adlig sein, eine gute Arbeit haben und gut aussehen.“
„Sonst hast du doch ganz anders gesprochen. Und bist du auch schon ganz glücklich?“
„Wenn man seit zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich, glaube ich.“
Innstetten reiste schon am folgenden Tag wieder ab. Wie versprochen schrieb er jeden Tag einen Brief. Er erwartete nur einen kurzen Antwortbrief jede Woche. Die ernsten Dinge besprach Frau von Briest mit ihm: die Hochzeit und die Ausstattung des Hauses in Kessin.
Dann reisten Mutter und Tochter nach Berlin, um die Dinge zu kaufen, die fehlten. Sie wohnten im eleganten Hotel du Nord. Jeden Tag trafen sie sich mit Effis Cousin Dagobert, einem fröhlichen Leutnant. Sie gingen zusammen ins Kaffee, in den Zoologischen Garten und in die Nationalgalerie und verbrachten glückliche Tage.
Bei den Einkäufen war Effi mit allem einverstanden. Frau von Briest dachte: „Alle diese Dinge bedeuten Effi nicht viel. Effi braucht wenig, sie lebt in ihren Träumen.“
Das war richtig, aber doch nur halb. Normale Dinge bedeuteten Effi nicht viel, aber wenn es um besondere Einkäufe ging, zum Beispiel für die Hochzeitsreise nach Italien, gefiel ihr nur das Eleganteste. Wenn sie das Beste nicht haben konnte, wollte sie auch das Zweitbeste nicht.
Briest war sehr froh, als Frau und Tochter wieder zu Hause waren. Er schaute, was sie gekauft hatten, und behielt seine gute Laune auch, als er die Rechnung sah. „Etwas teuer, oder sagen wir lieber sehr teuer, aber das macht nichts. Es ist alles so elegant, dass ich am liebsten selbst eine Hochzeitsreise machen würde. Was meinst du, Luise?“
Die Hochzeit sollte am . Oktober sein. An einem wunderschönen Tag im September saßen Mutter und Tochter draußen am Tisch.
„Effi, hast du noch Wünsche?“, fragte die Mutter.
„Nichts, Mama. Oder vielleicht eine rote Hängelampe für unser Schlafzimmer …“
„Effi, du bist eine fantastische kleine Person und möchtest eine Prinzessin sein. Aber meine liebe Effi, wir müssen vorsichtig im Leben sein, vor allem wir Frauen. Wenn du nach Kessin kommst, wo nachts kaum eine Laterne brennt, wird man über dich lachen.“
In diesem Moment wurde ein Brief gebracht. „Ach, von Geert“, sagte Effi, nahm ihn und sagte: „Ihr werdet mir so fehlen, vielleicht auf der Reise schon und ganz sicher in Kessin.“
„Was schreibt Innstetten denn?“
Erst jetzt öffnete Effiden Brief und las ihn schnell durch.
„Nun, Effi, du freust dich gar nicht. Liebst du Geert nicht?“
„Warum sollte ich ihn nicht lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Bertha, und ich liebe Hertha. Und dass ich euch liebe, davon spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die es gut mit mir meinen. Und Geert meint es ja gut mit mir.“
„Bestimmt. Aber du bist traurig. Warum?“
„Mama, dass er älter ist als ich, ist nicht schlimm, er ist ja gesund und frisch und so soldatisch. Aber wenn er nur ein bisschen anders wäre … Huldas Vater hat gesagt, dass er ein Mann von Grundsätzen ist. Und ich habe doch keine Grundsätze. Er ist so lieb mit mir, aber … ich habe Angst vor ihm.“