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DW - Videothema, Naturparadies im ehemaligen Todesstreifen

Naturparadies im ehemaligen Todesstreifen

Früher durfte niemand den Küstenstreifen auf dem Darß an der Ostsee betreten. Heute ist das Gebiet Teil eines Nationalparks. Eine der größten Attraktionen für Touristen: die 90.000 Kraniche, die hier durchziehen.

SPRECHER: Sie sind die elegantesten Vögel im europäischen Luftraum: die Kraniche. Auf dem Darß, an der deutschen Ostseeküste, kommen sie zweimal im Jahr zu Besuch, um sich Kraft anzufuttern, im Herbst für den Zug nach Süden, im Frühjahr, um zu ihren Brutgebieten zu fliegen. Biodiversitätsexpertin Marie-Yon Strücker von der Umweltbehörde UNEP möchte sich das Naturschauspiel genauer anschauen. An ihrer Seite: Jörg Schmiedel, der als Kranichexperte für den BUND an der Ostseeküste arbeitet.

MARIE-YON STRÜCKER (Biodiversitätsexpertin bei der UNEP): Auf der Insel da hinten sehe ich schon ein paar Kraniche, jetzt.

JÖRG SCHMIEDEL (Kranichexperte beim BUND): Ja, ja, es kommen jetzt laufend wieder welche hinein, bis in die späte Dämmerung, und dann sind sie da komplett, rasten alle im Schutz der Insel.

MARIE-YON STRÜCKER: Ich sehe, jetzt kommt auch noch so'n Schiffchen vorbei. Viele Leute kommen auch vorbei, um die Kraniche zu sehen, speziell hier, oder?

JÖRG SCHMIEDEL: Ja, ja, das ist der Renner! Also, alle Fahrgastschifffahrtsbetriebe der Region, die sind ausgebucht zur Kranichrastzeit.

MARIE-YON STRÜCKER: Ist das denn nicht störend für die Kraniche? Also, das ist doch eigentlich 'n Naturschutzgebiet. Dürfen die Schiffe da überhaupt richtig fahren?

JÖRG SCHMIEDEL: Ja, hier vorne ist Fahrrinne. Er macht's richtig. Aber es ist auch schon wichtig, dass der Nationalpark mit seiner Nationalparkwacht hier hin und wieder mal Präsenz zeigt. Das heißt nicht, dass die Leute gleich verhaftet werden, aber schon sehr deutlich darauf hingewiesen werden, dass sie hier unter anderem auch die wirtschaftliche Existenzgrundlage der Region zerstören würden.

SPRECHER: In einer Kranichsaison kann man bis zu 90.000 graue Kraniche auf der Halbinsel Darß beobachten. Und das hat einen historisch interessanten Grund. Die Region liegt unterhalb der Seegrenze der ehemaligen DDR. Deshalb waren große Gebiete der Mecklenburgischen Boddenlandschaft Sperrgebiet, das weder wirtschaftlich entwickelt noch stark besiedelt war. Es gab also Platz und Ruhe für die Kraniche. Während des Kalten Krieges war die gesamte Küste mit Wachtürmen gesäumt, die die Flucht von DDR-Bürgern in den Westen verhindern sollten. Nur die Tiere kümmerte die Grenze nicht. Nach der Wende wurden – zum Glück für die Kraniche – große Teile der Grenze in ein Naturschutzgebiet verwandelt, das sogenannte Grüne Band. Jetzt, mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, gibt es nur noch eine Handvoll Grenztürme – wie hier in Klausdorf, wo er eine Touristenattraktion geworden ist, mit bestem Blick auf die Küste.

MARIE-YON STRÜCKER: Oh, das ist 'ne Aussicht. THOMAS REICHENBACH (Bürgermeister von Klausdorf): Herrlich, ne?

MARIE-YON STRÜCKER: Sehr schön. Und hier kann man das Grüne Band richtig gut sehen, oder?

THOMAS REICHENBACH: Ja, genau. Wir sind hier an der nördlichsten Festlandkante Mecklenburg-Vorpommerns. Dort befindet sich das Grüne Band. Dahinter kommt gleich die Insel Bock, die Insel Hiddensee und dann die Insel Rügen. Weiter nördlich geht's nicht auf dem Festland. SPRECHER: Die Vorpommerische Boddenlandschaft ist ein Nationalpark mit strengen Regeln für die Besucher, damit die Strände naturbelassen bleiben. Das war nicht immer so: Am 1. Oktober 1990, zwei Tage vor der Wiedervereinigung, wurde der Nationalpark als eine der letzten Amtshandlungen der DDR eingerichtet. Seit damals setzt sich Annett Storm für den Umweltschutz am Bodden ein.

MARIE-YON STRÜCKER: Also, Annett, erzähl doch noch mal ganz kurz, was genau ist eigentlich dein Job, oder was machst du eigentlich hier?

ANNETT STORM (Vorsitzende des Fördervereins Nationalpark Boddenlandschaft): Also, ich bin die Vorsitzende vom Förderverein des Nationalparks Boddenlandschaft. Und wir haben dann wirklich auch gleich, als die Wende kam oder sich das alles abzeichnete, haben wir gesagt‚ wir wollen hier irgendwas für den Naturschutz tun und haben mit Freunden diesen Verein gegründet und haben uns dafür eingesetzt. Es gab schon auch runde Tische, also, dass der Nationalpark gegründet wurde, ist eine Bewegung aus dem Volke heraus. Inzwischen gibt es eigentlich kaum jemanden noch, der den Nationalpark infrage stellt. Im Gegenteil, die größten Kritiker sind heute Befürworter, weil sie merken, dass es auch für sie einen Vorteil hat.

SPRECHER: Hier an der Küste findet man immer noch Bernstein, das [der] von den Kiefern, Stieleichen und Rotbuchen des Darßer Waldes stammt. Im Nationalpark wird der Wald urwüchsig, ohne Eingriffe durch den Menschen belassen. Und durch das feuchte Klima und den Schutz hat sich hier eine besondere Artenvielfalt angesiedelt. Diese Feuchtgebiete werden immer seltener in Mitteleuropa, sind aber lebenswichtig für den Kranich. Wenn sie im Frühjahr aus dem Süden in die Boddenlandschaft zurückkehren, finden sie hier Schutz und Nahrung nach der langen Reise. Und manche Kranichpärchen bringen hier sogar ihren Nachwuchs auf die Welt. Kraniche gelten als eine der Tierarten, die die Menschen auch emotional erreichen und dadurch für den Naturschutz werben.

GÜNTER NOWALD (Leiter von Kranichschutz Deutschland): Kraniche brauchen eigentlich das ganze Jahr Feuchtgebiete. Während der Rast, jetzt, brauchen sie die Feuchtgebiete als Schlafzimmer – also die stehen im flachen Wasser, um dort Schutz vor Prädation zu haben. Noch wichtiger sind die Feuchtgebiete während der Reproduktion. Das heißt, Kraniche bauen ihre Nester auf dem Boden. Und um Schutz vor Prädatoren, beispielsweise in Deutschland vor Füchsen, zu haben, muss das von Wasser umgeben sein. Und insofern ist der Kranich derjenige, mit dem man sehr gut Feuchtgebietsschutz betreiben kann. Also, der ist einfach sichtbar.

SPRECHER: Der Kranichschutz Deutschland begleitet und beobachtet die Vögel ganz genau. Jungtiere werden teilweise beringt und mit GPS-Sendern versehen, damit man mehr über die Flugrouten und das Verhalten der grauen Kraniche erfährt. Am Günzer See wird zusätzlich Mais und Weizen für die Tiere ausgelegt und damit auch der Besucherstrom gelenkt. So können internationale Vogelbeobachter die Kraniche tanzen sehen, ohne sie zu stören. Auch Marie-Yon Strücker trifft Günter Nowald hier, an einem der größten Kranichrastplätze der Welt. Die ehemalige Grenze der DDR hat an der Ostsee einen Image-Wandel vollzogen. Hier schafft man es, Naturschutz, Tourismus und wirtschaftliche Interessen miteinander zu verbinden und gleichzeitig den Lebensraum des Kranichs zu erhalten.


Naturparadies im ehemaligen Todesstreifen

Früher durfte niemand den Küstenstreifen auf dem Darß an der Ostsee betreten. Heute ist das Gebiet Teil eines Nationalparks. Eine der größten Attraktionen für Touristen: die 90.000 Kraniche, die hier durchziehen.

SPRECHER: Sie sind die elegantesten Vögel im europäischen Luftraum: die Kraniche. Auf dem Darß, an der deutschen Ostseeküste, kommen sie zweimal im Jahr zu Besuch, um sich Kraft anzufuttern, im Herbst für den Zug nach Süden, im Frühjahr, um zu ihren Brutgebieten zu fliegen. Biodiversitätsexpertin Marie-Yon Strücker von der Umweltbehörde UNEP möchte sich das Naturschauspiel genauer anschauen. An ihrer Seite: Jörg Schmiedel, der als Kranichexperte für den BUND an der Ostseeküste arbeitet.

MARIE-YON STRÜCKER (Biodiversitätsexpertin bei der UNEP): Auf der Insel da hinten sehe ich schon ein paar Kraniche, jetzt.

JÖRG SCHMIEDEL (Kranichexperte beim BUND): Ja, ja, es kommen jetzt laufend wieder welche hinein, bis in die späte Dämmerung, und dann sind sie da komplett, rasten alle im Schutz der Insel.

MARIE-YON STRÜCKER: Ich sehe, jetzt kommt auch noch so'n Schiffchen vorbei. Viele Leute kommen auch vorbei, um die Kraniche zu sehen, speziell hier, oder?

JÖRG SCHMIEDEL: Ja, ja, das ist der Renner! Also, alle Fahrgastschifffahrtsbetriebe der Region, die sind ausgebucht zur Kranichrastzeit.

MARIE-YON STRÜCKER: Ist das denn nicht störend für die Kraniche? Also, das ist doch eigentlich 'n Naturschutzgebiet. Dürfen die Schiffe da überhaupt richtig fahren?

JÖRG SCHMIEDEL: Ja, hier vorne ist Fahrrinne. Er macht's richtig. Aber es ist auch schon wichtig, dass der Nationalpark mit seiner Nationalparkwacht hier hin und wieder mal Präsenz zeigt. Das heißt nicht, dass die Leute gleich verhaftet werden, aber schon sehr deutlich darauf hingewiesen werden, dass sie hier unter anderem auch die wirtschaftliche Existenzgrundlage der Region zerstören würden.

SPRECHER: In einer Kranichsaison kann man bis zu 90.000 graue Kraniche auf der Halbinsel Darß beobachten. Und das hat einen historisch interessanten Grund. Die Region liegt unterhalb der Seegrenze der ehemaligen DDR. Deshalb waren große Gebiete der Mecklenburgischen Boddenlandschaft Sperrgebiet, das weder wirtschaftlich entwickelt noch stark besiedelt war. Es gab also Platz und Ruhe für die Kraniche. Während des Kalten Krieges war die gesamte Küste mit Wachtürmen gesäumt, die die Flucht von DDR-Bürgern in den Westen verhindern sollten. Nur die Tiere kümmerte die Grenze nicht. Nach der Wende wurden – zum Glück für die Kraniche – große Teile der Grenze in ein Naturschutzgebiet verwandelt, das sogenannte Grüne Band. Jetzt, mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, gibt es nur noch eine Handvoll Grenztürme – wie hier in Klausdorf, wo er eine Touristenattraktion geworden ist, mit bestem Blick auf die Küste.

MARIE-YON STRÜCKER: Oh, das ist 'ne Aussicht. THOMAS REICHENBACH (Bürgermeister von Klausdorf): Herrlich, ne?

MARIE-YON STRÜCKER: Sehr schön. Und hier kann man das Grüne Band richtig gut sehen, oder?

THOMAS REICHENBACH: Ja, genau. Wir sind hier an der nördlichsten Festlandkante Mecklenburg-Vorpommerns. Dort befindet sich das Grüne Band. Dahinter kommt gleich die Insel Bock, die Insel Hiddensee und dann die Insel Rügen. Weiter nördlich geht's nicht auf dem Festland. SPRECHER: Die Vorpommerische Boddenlandschaft ist ein Nationalpark mit strengen Regeln für die Besucher, damit die Strände naturbelassen bleiben. Das war nicht immer so: Am 1. Oktober 1990, zwei Tage vor der Wiedervereinigung, wurde der Nationalpark als eine der letzten Amtshandlungen der DDR eingerichtet. Seit damals setzt sich Annett Storm für den Umweltschutz am Bodden ein.

MARIE-YON STRÜCKER: Also, Annett, erzähl doch noch mal ganz kurz, was genau ist eigentlich dein Job, oder was machst du eigentlich hier?

ANNETT STORM (Vorsitzende des Fördervereins Nationalpark Boddenlandschaft): Also, ich bin die Vorsitzende vom Förderverein des Nationalparks Boddenlandschaft. Und wir haben dann wirklich auch gleich, als die Wende kam oder sich das alles abzeichnete, haben wir gesagt‚ wir wollen hier irgendwas für den Naturschutz tun und haben mit Freunden diesen Verein gegründet und haben uns dafür eingesetzt. Es gab schon auch runde Tische, also, dass der Nationalpark gegründet wurde, ist eine Bewegung aus dem Volke heraus. Inzwischen gibt es eigentlich kaum jemanden noch, der den Nationalpark infrage stellt. Im Gegenteil, die größten Kritiker sind heute Befürworter, weil sie merken, dass es auch für sie einen Vorteil hat.

SPRECHER: Hier an der Küste findet man immer noch Bernstein, das [der] von den Kiefern, Stieleichen und Rotbuchen des Darßer Waldes stammt. Im Nationalpark wird der Wald urwüchsig, ohne Eingriffe durch den Menschen belassen. Und durch das feuchte Klima und den Schutz hat sich hier eine besondere Artenvielfalt angesiedelt. Diese Feuchtgebiete werden immer seltener in Mitteleuropa, sind aber lebenswichtig für den Kranich. Wenn sie im Frühjahr aus dem Süden in die Boddenlandschaft zurückkehren, finden sie hier Schutz und Nahrung nach der langen Reise. Und manche Kranichpärchen bringen hier sogar ihren Nachwuchs auf die Welt. Kraniche gelten als eine der Tierarten, die die Menschen auch emotional erreichen und dadurch für den Naturschutz werben.

GÜNTER NOWALD (Leiter von Kranichschutz Deutschland): Kraniche brauchen eigentlich das ganze Jahr Feuchtgebiete. Während der Rast, jetzt, brauchen sie die Feuchtgebiete als Schlafzimmer – also die stehen im flachen Wasser, um dort Schutz vor Prädation zu haben. Noch wichtiger sind die Feuchtgebiete während der Reproduktion. Das heißt, Kraniche bauen ihre Nester auf dem Boden. Und um Schutz vor Prädatoren, beispielsweise in Deutschland vor Füchsen, zu haben, muss das von Wasser umgeben sein. Und insofern ist der Kranich derjenige, mit dem man sehr gut Feuchtgebietsschutz betreiben kann. Also, der ist einfach sichtbar.

SPRECHER: Der Kranichschutz Deutschland begleitet und beobachtet die Vögel ganz genau. Jungtiere werden teilweise beringt und mit GPS-Sendern versehen, damit man mehr über die Flugrouten und das Verhalten der grauen Kraniche erfährt. Am Günzer See wird zusätzlich Mais und Weizen für die Tiere ausgelegt und damit auch der Besucherstrom gelenkt. So können internationale Vogelbeobachter die Kraniche tanzen sehen, ohne sie zu stören. Auch Marie-Yon Strücker trifft Günter Nowald hier, an einem der größten Kranichrastplätze der Welt. Die ehemalige Grenze der DDR hat an der Ostsee einen Image-Wandel vollzogen. Hier schafft man es, Naturschutz, Tourismus und wirtschaftliche Interessen miteinander zu verbinden und gleichzeitig den Lebensraum des Kranichs zu erhalten.