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Zukker im leben, Film Festival in Locarno und Street Parade

Film Festival in Locarno und Street Parade

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Herzlich Willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 30. August 2019. Hatten Sie einen schönen Sommer? Ich hoffe es. Wissen Sie, wen ich getroffen habe? Den Tom, der mit mir im gleichen Haus gewohnt hat. Davon werde ich Ihnen heute erzählen und von der Street Parade, dem grössten Technofestival der Welt. Was ein Rucksack dort alles ausgelöst [1] hat, erfahren Sie heute. Viel Vergnügen!

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Anna hat beschlossen, dass wir wegfahren. Auch wenn sie immer sehr kurzfristig ist, sind ihre Ideen die Allerbesten. In Locarno ist das Filmfestival, aber nur noch bis heute Abend. Anna hat mich überredet, dass wir trotzdem hinfahren, auch wenn nur ein japanischer Film gezeigt wird, der uns nicht interessiert. Aber das Erlebnis auf der Piazza Grande muss doch einzigartig sein. Am Samstag sind wir ohne Stau von Zürich durch den Gotthardtunnel nach Locarno gefahren. Um 18 Uhr haben wir ein Panini auf der Piazza gegessen und uns danach mit einem Aperol Spritz einen guten Platz vor der riesigen Leinwand gesucht. Die Stimmung ist speziell. Man merkt, dass es der allerletzte Abend des Festivals ist und die Menschen müde und in Aufbruchstimmung [2] sind. Aber egal wo ich mit Anna bin, wir machen uns jeden Ausflug zum Abendteuer und heute machen wir „people watching“ und lästern [3] über Frauen in zu kurzen engen Kleidern mit viel zu hohen Absatzschuhen, die kaum über den unebenen [4] Steinboden laufen können. Um 21 Uhr beginnt die Preisverleihung und jeder Mensch, der einen Preis bekommt, sagt melodramatisch [5]: „Thank you Piazza Grande, thank you Locarno Film Festival – it was an honour for me… blablaba.“ Also alle bedanken sich, eine Ehre sei es gewesen, dass der Film hier gezeigt wurde und dann bedanken sich fast alle noch bei ihrer Mutter, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre. Anna und ich müssen unsere Lachanfälle kontrollieren, weil es ja hier nicht um die Oscars geht, die verliehen [6] werden.Die Leute benehmen sich aber mindestens so wichtig wie in Hollywood. Wir amüsieren [7] uns köstlich und schauen uns nur die Hälfte des Filmes danach an. Dann gehen wir in ein sehr hübsches kleines Theater, wo gute Musik läuft, Diskokugeln in den Bäumen hängen und alle Menschen entspannt auf Plastikstühlen sitzen. Ich gehe an die Bar und hole uns etwas zu trinken. Beim Barkeeper bestelle ich und traue meinen Augen nicht. „Nora! Das ist ja ein Zufall!“ Tom schaut mich an, als wäre ich eine Ausserirdische [8]. Bevor ich etwas sagen kann, redet er weiter: „Was machst du denn in Locarno? Du bist doch Autorin und nicht beim Film!“ Ich schaue ihn an und sage: „Das stimmt. Deshalb darf ich mich nicht für Filme interessieren? Ein Film ist nicht halb so gut, wenn sein Drehbuch schlecht geschriebenist. Das nur so nebenbei [9].“ Das war etwas zickig [10] von mir, aber Tom steht vor mir, voll tätowiert mit hässlichen Motiven und viel zu viel Gel in den Haaren. Er erzählt, ohne dass ich ihn frage, dass er jetzt im Tessin wohne. Zürich sei ihm einfach zu wenig mediterran [11]. Und die Frauen hier seien so direkt und speziell. Ich lache und wünsche ihm alles Gute. Neben mir schwankt eine Frau an den Tresen und während sie sich mit beiden Händen festhält, muss sie sich übergeben [12]. Ihr Erbrochenes spritzt Tom direkt auf das T-Shirt und auf die Hände. Ja, die Frauen im Tessin sind wirklich sehr direkt. Ich kann heute nicht mehr verstehen, dass ich ihn vor zwei Jahren noch richtig attraktiv und interessant fand. Das ist sehr erleichternd [13], wenn sich Dinge von alleine klären [14].

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In Zürich wird dieses Jahr ausgiebig [15] gefeiert. Vom Züri Fäscht habe ich Ihnen ja bereits erzählt. Kaum ist wieder Ruhe in die Stadt eingekehrt, werden schon die Love Mobiles für die Street Parade geschmückt. Das sind farbig angemalte Lastwagen, auf denen DJ‘s während der Parade Musik auflegen. Und fast eine Million Menschen reisen aus ganz Europa nach Zürich und tanzen den ganzen Samstag ausgelassen [16] zur Techno-Musik. Das klingt nach einer einzigen grossen Party und veränderten Bewusstseinszuständen. Die einen Menschen werden glücklich vom Tanzen ganz alleine, andere werfen sich farbige Pillen ein [17], wie Ecstasy. Es hat schon Tradition, dass die Medien wenige Tage vor der Street Parade vor neuen Pillen aus Europa warnen. Es gibt sogar Orte, wo man seine Drogen testen lassen kann, was ich ein sehr vernünftiges Angebot finde. Heute denken viele Menschen, die Street Parade sei eine kommerzielle Veranstaltung, aber wenige wissen, wie politisch die Parade vor 25 Jahren noch war. 1994, da gab es die Parade bereits seit drei Jahre, wollte die Stadt Zürich die Tanzveranstaltung verbieten. Aber das liessen sich die jungen Menschen damals nicht verbieten, weil die Street Parade ein Zeichen für mehr Freiraum, Toleranz und Liebe setzen sollte. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, dass Politiker, die Jugend damals für wild und durchgeknallt [18] und gefährlich hielten. Wie Sie bereits von mir wissen, mag ich keine Grossveranstaltungen. Ich bin, wie beim Züri Fäscht, auch am Samstag der Street Parade zu Hause geblieben, was sehr entspannt war. Als ich gegen 22 Uhr auf 20 Minuten lese, dass ein verdächtiger Gegenstand gefunden wurde, werde ich noch einmal wach. Ein Rucksack wurde in der Nähe des Opernhauses deponiert. Nebenan tanzen etwa 850‘000 Menschen. Ich sitze zu Hause auf dem Sofa und lese den Live-Ticker im Internet. Die Polizei kommt und ein Entschärfungsroboter [19] wird bestellt. Das ist ein kleiner gelber Bagger, der den Rucksack aufhebt und auf einen Anhänger mit Sandsäcken legt. Der Rucksack wird an einen sicheren Platz gebracht, wo man ihn sprengen könnte, wenn es eine Bombe ist. Die Polizei gibt keine weiteren Auskünfte,aber in den sozialen Medien wird spekuliert [20], ob es sich um eine Bombe handelt. Und sofort sind sich Menschen sicher, dass es sich dabei um eine extremistisches [21] Tat handelt. Am Montag lese ich in der Zeitung, dass ein Mann aus Deutschland festgenommen wurde, der eine Bombenattrappe [22] im Rucksack versteckt hatte. Ich kann mir nicht genau vorstellen, warum man so etwas tut. Vielleicht hat er einfach zu viele Filme geschaut. Psychisch krank sei er nicht. Jedenfalls wird er wegen „Schreckung [23] der Bevölkerung“ ein Strafe bekommen und für den Polizeieinsatz eine Busse bezahlen müssen. Und dann stelle ich mir kurz vor, was hätte passieren können, wenn er nicht zu viele Filme gesehen hätte und am Zürcher Seebecken eine Bombe in die Luft gegangen wäre, während nebenan 850‘000 Menschen glücklich zu Techno-Musik tanzten.

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Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen am 13. September, auf podclub.ch und in der App wieder aus meinem Leben erzählen darf. Dann werde ich Brigit besuchen, eine Nachbarin von früher. Sie erinnern sich noch an Sie? Wir sind in einem Restaurant verabredet, weil sie nicht will, dass ich zu ihr komme. Ich habe etwas Angst, dass sie wieder zum Messi wurde. Das werde ich herausfinden. Schauen Sie doch in der Zwischenzeit bei Instagram vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Auf Wiederhören!

Glossar: Zukker im Leben (D)

[1] ausgelöst: eine Handlung wurde ins Rollen gebracht, etwas wurde begonnen

[2] die Aufbruchstimmung: wenn etwas zu Ende geht und alle nach Hause wollen

[3] lästern: schlecht reden über andere in einer humorvollen Art

[4] uneben: nicht gerade

[5] melodramatisch: übertrieben dramatisch

[6] verleihen: einen Preis oder eine Auszeichnung vergeben

[7] sich amüsieren: eine gute Zeit haben

[8] die/der Ausserirdische: Mensch von einem anderen Planeten

[9] nebenbei: beiläufig, ohne dass es wichtig wäre

[10] zickig: hier: beleidigt

[11] mediterran: südländisch

[12] sich übergeben: kotzen

[13] erleichternd: positiv entspannend

[14] etwas klärt sich: ein „Problem“ löst sich von alleine und alles wird gut

[15] ausgiebig: sehr ausführlich

[16] ausgelassen: ohne Hemmungen

[17] sich etwas einwerfen: umgangssprachlich für: Drogen nehmen

[18] durchgeknallt: verrückt, crazy

[19] der Entschärfungsroboter: Fahrzeug, das Bomben ungefährlich macht

[20] spekulieren: über etwas nachdenken und reden, von dem man keine Fakten kennt

[21] extremistisch: radikale politische, religiöse Einstellung haben

[22] die Bombenattrappe: keine echte Bombe, die aber echt aussieht

[23] die Schreckung: juristischer Begriff, für Menschen erschrecken, Angst einjagen

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