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Terra X History, (1)Kolonialismus: Wie Deutschland zur Imperial-Macht wurde.

(1)Kolonialismus: Wie Deutschland zur Imperial-Macht wurde.

Lasst uns lieber sterben und nicht sterben durch Misshandlungen, Gefängnis und auf allerlei andere Weise.

Anfang Januar 1904 beginnt der Aufstand der Herero gegen die deutschen Kolonialherren in Deutsch Südwestafrika.

Seit 1884 ist das Gebiet des heutigen Namibier eine Kolonie des deutschen Kaiserreiches.

Den Befehl zum Angriff auf die deutschen Siedlungen und Farmen gibt Samuel Maharero, das Oberhaupt der Herero.

Tötet alle Deutschen.

193 männliche Siedler sterben, nur Frauen, Kinder und Missionare überleben.

Die Deutschen hatten das Land der Herero widerrechtlich besetzt, Land, auf dem sie seit Generationen Rinder züchten.

Die deutschen Siedler halten sich nicht an die vereinbarten Verträge, wonach Kultur und Eigentum der Herero geschützt werden sollen.

Stattdessen herrschen brutale Unterdrückung und Rassentrennung.

Die Kolonialherren beanspruchen immer mehr Land der Herero für sich.

Der Krieg ist nicht durch mich angefangen worden, sondern er ist begonnen worden durch die Weißen.

Besonders die Händler haben viele Herero getötet, sowohl durch Gewehre wie durch Einsperren in die Gefängnisse.

Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld.

Das deutsche Kaiserreich sendet ein Expeditionskorps, um den Aufstand der Herero in der deutschen Kolonie niederzuschlagen.

Angeführt wird es von Generalleutnant Lothar von Trotha.

Am 11. und 12. August 1904, bei der Schlacht am Waterberg, versucht er, die Herero einzukesseln.

Doch es gelingt ihnen auszubrechen und in die Wüste zu fliehen.

Von Trotha lässt die Wüste monatelang abriegeln, die Wasserstellen bewachen.

Wer nicht im Kampf stirbt, verdurstet.

Die wasserlose Oma Heke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten.

Die Vernichtung des Herero-Volkes.

Die Hereros sind nicht mehr Deutsche untertanen.

Das Volk der Herero muss das Land verlassen.

Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh, erschossen.

Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf die schießen.

Mit dem Schießbefehl von Trothas am 2. Oktober 1904 verlieren die Herero in ihrer Heimat alle Rechte.

Sie werden misshandelt, verfolgt, ermordet.

Nun beginnen auch die Nama im Süden des Landes den bewaffneten Widerstand gegen die deutschen Besatzer.

Sie hatten ursprünglich mit den Kolonialherren kooperiert und waren mit den Herero verfeindet.

Angesichts der Gräueltaten gegen die Herero wechseln sie die Seiten.

Sie unterstützen die Herero in ihrem Kampf gegen die deutschen Kolonialtruppen.

Aber auch die Nama unterliegen der deutschen Kolonialmacht.

Bis 1908 sterben fast die Hälfte der Bevölkerung der Nama und mehr als 80 Prozent der Herero.

Sie sterben im Krieg, verhungern und verdursten in der Wüste oder gehen in Konzentrationslagern zugrunde.

Ich bin Mirko Drotschmann, das hier ist Terra X History, der Podcast. Und in dieser ersten Folge der dritten Staffel, herzlich willkommen an dieser Stelle dazu, beschäftigen wir uns mit einer Zeit der deutschen Geschichte, die gerne verschwiegen wird.

Wir sprechen in dieser Folge über die deutsche Kolonialgeschichte.

Könnt ihr euch noch erinnern, was ihr über den deutschen Kolonialismus in der Schule gelernt habt?

Also ich weiß noch ganz gut, dass meine Geschichtslehrerin immer erzählte, dass Deutschland eigentlich gar keine Kolonialmacht werden wollte.

Oder dass der Staatskanzler Otto von Bismarck gar kein Interesse daran gehabt hätte, das deutsche Kaiserreich zu vergrößern oder Kolonien zu besitzen, um billige Rohstoffe zu importieren.

Oder Deutschland sei ja sowieso im Vergleich zu anderen Kolonialmächten wie Großbritannien oder Frankreich viel zu spät dran gewesen.

Und die wenigen Kolonien, die das Kaiserreich am Ende gehabt habe, die seien doch bedeutungslos gewesen.

Ihr ahnt vielleicht schon, dass diese Erzählung nicht ganz den historischen Fakten entspricht, um nicht zu sagen gar nicht.

Vermutlich hält sich diese Erzählung bis heute so hartnäckig, weil Otto von Bismarck noch 1871, also kurz nach der Gründung des Deutschen Reichs, Folgendes gesagt hat: Ich will auch gar keine Kolonien, die sind bloss für versorgungsposten gut. Diese kolonialgeschichte wäre für uns genauso wie der seidene zobelpelz in polnischen adelsfamilien, die keine Händen haben.

Der deutsche Reichskanzler hat seine Meinung nachweislich geändert.

Und was dann später in den deutschen Kolonien passiert ist, das haben wir gerade schon gehört.

Der Völkermord an den Herero und Nama Anfang des 20. Jahrhunderts im damaligen Deutsch Südwestafrika war ungeheuer brutal.

Wie die Kolonialherrschaft der Deutschen in anderen Regionen auch.

Erst nachdem Namibia 1990 seine Unabhängigkeit erklärte, begann man dort die Kolonialzeit und die Verbrechen aufzuarbeiten.

Über den Völkermord an den Herero und Nama zum Beispiel hat man lange Zeit nur wenig erfahren.

Darüber sprechen wir auch gleich noch ausführlicher hier in diesem Podcast.

Aber warum ist Deutschland im 19. Jahrhundert überhaupt zur Kolonialmacht geworden?

Da müssen wir uns in die damalige Zeit zurückversetzen.

In der Geschichtswissenschaft wird das 19. Jahrhundert gerne als das lange 19. Jahrhundert bezeichnet.

Da redet man von einer Zeit zwischen der französischen Revolution, also 1789, und dem ersten Weltkrieg, also 1914.

Okay, streng genommen gehen wir da über das 19. Jahrhundert hinaus oder fangen früher an, aber ihr wisst, was gemeint ist.

Es ist eine Zeit des Umbruchs, der Revolutionen und der Kriege, in der sich die Bevölkerung

weltweit Bürger- und Menschenrechte erkämpft, für Demokratie eintritt und Nationen gründet.

Aber es ist auch eine Zeit der großen europäischen Imperien, wie etwa Großbritannien und Frankreich.

Länder, die damals schon überall auf der Welt Kolonien gegründet hatten und auf Expansionskurs sind.

Afrika ist im 19. Jahrhundert der Kontinent, dessen Inneres auf der Weltkarte der Europäer noch eine große weiße Fläche ist.

Es gibt zwar Handelsniederlassungen an den Küsten, aber in das Innere des Kontinents ist noch kaum einer von ihnen vorgedrungen.

. Im 19. Jahrhundert beginnen die europäischen Mächte auch diese letzten weißen Flecken zu erkunden und Afrika unter sich aufzuteilen.

Das deutsche Kaiserreich hat aber anfangs gar nicht geplant, in diesem Spiel mitzumischen.

Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik.

Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Erdteilen haben,

die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht.

Das sagt Otto von Bismarck noch 1881. Er ist seit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs am 1. Januar 1871 Reichskanzler.

Bis Anfang der 1880er Jahre hat Deutschland offiziell noch gar keine Kolonien.

Bismarcks preisgünstige Idee? Die Handelsniederlassungen sollen sich privat darum kümmern, die Kolonien zu sichern.

Der Kaiser stellt lediglich Schutzbriefe aus.

Ansonsten aber will das deutsche Reich keine Kolonialarmeen stellen.

Eine Idee, die gründlich schiefgeht. Aus verschiedenen Gründen.

Bei diesem System überlassen wir dem Handel, dem Privatmann, die Wahl.

Und wenn wir sehen, dass der Baum Wurzeln schlägt, anwächst und gedeiht und den Schutz des Reiches anruft, so stehen wir ihm bei.

Und ich sehe auch nicht ein, wie wir ihm das rechtmäßig versagen können.

Aber ganz egal, ob in Neuginea oder Kamerun oder in Deutsch-Südwestafrika, am Ende sind die meisten Kolonien zu schwach, um sich ohne Hilfe der kaiserlichen Armee zu verteidigen.

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Die deutschen Schutzgebiete, wie sie offiziell heißen, können bis auf Togo nur mit Hilfe deutscher Kolonialheere gesichert werden.

Wobei die Ironie der Geschichte auch ist, dass in den Kolonialtruppen sehr viele einheimische Söldner gedient haben.

Deutschland erscheint also erst 1884 offiziell auf der Kolonialbühne.

Zu der Zeit wächst die Konkurrenz unter den europäischen Mächten.

Es beginnt etwas, was als die Balgerei um Afrika oder der Wettlauf um Afrika in die Geschichte eingegangen ist und zur sogenannten Berliner Kongo-Konferenz führt.

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Die dauert von November 1884 bis Februar 1885.

Wir wollen den eingeborenen Afrikas den Anschluss an die Zivilisation ermöglichen,

indem das Innere dieses Kontinents für den Handel erschlossen wird.

Das ist nur die halbe kolonialistische Wahrheit,

die Otto von Bismarck bei der Eröffnung der Konferenz am 15. November 1884 in Berlin verkündet.

Ein Bild von dieser Konferenz hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Diplomaten im Frack zeigen auf eine riesige Afrika-Karte an der Wand, auf der noch keine Grenzen zu sehen sind.

Dann, so die Erzählung, hätten die Politiker zum Lineal gegriffen und die Grenzen gezogen.

Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit.

Erstmal ist es den Kolonialmächten wichtig,

die bisherigen Gebietsansprüche der jeweils anderen Kolonialmacht in Afrika anzuerkennen.

Es geht unter anderem um Handelsfreiheit und freie Schifffahrt auf Kongo und Niger.

Mit dem Schlussdokument der Konferenz, der sogenannten Kongo-Akte,

ist der Wettlauf um Afrika aber klar geregelt.

Wer als Erster ein Gebiet in Besitz nimmt, darf es behalten und so willkürlich Grenzen ziehen.

Vertreter von zwölf europäischen Staaten, den USA und dem Osmanischen Reich,

haben dieses Schlussdokument unterzeichnet.

Für Otto von Bismarck ist die Konferenz vor allem ein außenpolitischer Erfolg.

Das Deutsche Reich ist nun offiziell zur Kolonialmacht aufgestiegen.

Den Anfang hat übrigens der Bremer Unternehmer Adolf Lüderitz gemacht.

Der Tabakhändler hatte in Südwestafrika Land gekauft.

Er hat schon 1882 um den Schutz des Deutschen Reiches gebeten,

den ihm Reichskanzler Otto von Bismarck aber erst nach einigem hin und her gewährt hat.

Das war dann am 24. April 1884 der Fall, Deutschlands erste Kolonie oder Schutzgebiet, wie es offiziell hieß.

Ganz Deutschland war damals im Kolonialfieber.

Es gab Vorträge von Afrika-Reisenden und es wurden Kolonialgesellschaften oder Vereine gegründet,

wie zum Beispiel die Gesellschaft für deutsche Kolonisation, unter anderem von einem gewissen Karl Peters.

Der hat später die Kolonie Deutsch-Ostafrika gegründet.

Die deutsche Nation ist bei der Verteilung der Erde, wie sie vom Ausgang des 15. Jahrhunderts bis auf unsere Tage hin stattgefunden hat, leer ausgegangen. .

.

Alle übrigen Kulturvölker Europas besitzen woanders Städten, um sich zu entfalten.

Zunächst ging es um wirtschaftliche Interessen.

Es waren Händler wie Adolf Lüderitz oder Räder wie der Hamburger Adolf Wörmann,

die dafür plädierten, in Afrika Handelsniederlassungen zu gründen.

Wörmann zum Beispiel kaufte im Sommer 1884 gemeinsam mit einer anderen Firma

einen Küstenstreifen im heutigen Kamerun, der dann später ebenfalls deutsche Kolonie wurde.

Otto von Bismarck wollte sich aber wohl von so viel Kolonialenthusiasmus nicht anstecken lassen.

Gegenüber einem Journalisten sagte er 1888 den berühmten Satz

Ihre Karte von Afrika ist sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt hier in Europa.

Hier liegt Russland und hier liegt Frankreich. Und wir sind in der Mitte. Das ist meine Karte von Afrika.

Bismarck blieb bis 1890 Reichskanzler.

Vor allem wegen innenpolitischer Querelen bat Bismarck Kaiser Wilhelm II um die Entlassung. .

Und weil sich die beiden irgendwie nicht so richtig verstanden haben.

Sein Nachfolger Leo von Caprivi schlug einen neuen Kurs in der Außenpolitik ein.

Caprivi unterzeichnete 1890 den noch von Bismarck vorbereiteten Helgoland-Sansibar-Vertrag,

um engere Kontakte zu Großbritannien zu knüpfen.

Dadurch erkannte Deutschland die britische Schutzherrschaft über Sansibar an

und bekam Helgoland sowie einen schmalen Landstreifen in der deutschen Kolonie Südwestafrika zugesprochen,

der bis heute nach dem Reichskanzler Caprivi-Zipfel genannt wird.

Gleichzeitig verzichtete das Deutsche Reich aber auf weitere koloniale Ansprüche.

Zumindest gegenüber Großbritannien. 1890 kam die koloniale Expansion damit mehr oder weniger zum Erliegen.

Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.

Skizziert Außenminister Bernhard von Bülow 1897 die neue Außenpolitik des Kaiserreichs unter Wilhelm II.,

der seit 1888 an der Spitze des Reiches stand.

Doch bis auf wenige neue Kolonien, wie Konzessionen in China oder Inseln in Mikronesien,

war die Zeit der kolonialen Ausdehnung damals eigentlich vorbei.

Die meisten Kolonien erwarb Deutschland 1884 und 1885

und war so in nur wenigen Jahren zu einer brutalen Kolonialmacht geworden.

Aber wie hatte es überhaupt dazu kommen können?

Darüber sprechen wir jetzt mit der Historikerin Ulrike Lindner.

Ulrike forscht und lehrt an der Universität Köln unter anderem zum europäischen Kolonialismus.

Hallo Ulrike, schön, dass du da bist.

Hallo.

Wir haben gerade schon etwas über die Berliner Kongo-Konferenz gehört,

die die Landkarte von Afrika für immer verändert hat.

Die Frage ist, warum wollte Deutschland unbedingt auch Kolonialmacht werden?

Ich habe da noch in Erinnerung, in der Schule, da hat man immer gelernt, Otto von Bismarck, der wollte gar keine Kolonien.

Meine Karte von Afrika liegt in Europa, hat er gesagt.

Und warum dann ausgerechnet in Afrika die meisten Kolonien?

Also vielleicht zwei Fragen in einer.

In den deutschen Ländern gab es in 19. Jahrhundert schon immer so Kolonialfantasien und vage Vorstellungen.

Und nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871,

es gab dann viele Politiker und auch Publizisten, die wollten tatsächlich Kolonien haben

und haben dafür auch Kampagnen gestartet.

Es gab dann aktive Kolonialvereine, die wurden gegründet.

Und man wollte Märkte für deutsche Produkte haben, man wollte Auswanderungsmöglichkeiten haben

und man wollte eben als Imperialmacht neben den anderen großen Mächten wie Großbritannien und Frankreich ebenbürtig darstellen.

Und warum Afrika?

Also das galt damals als sogenannter freier Kontinent.

Lateinamerika war schon kolonialisiert worden seit dem 16. Jahrhundert

und war schon wieder unabhängig. In Asien waren schon viele Mächte.

Da gab es auch starke asiatische Staaten und Afrika galt eben als noch nicht richtig zivilisiert, richtig besetzt.

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