Die Telefonbücher von Brigit und die Bratwurst auf der Rigi
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Herzlich willkommen zur Sendung "Zukker im Leben" vom 3. November 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Brigit ist wieder zu Hause. Zusammen mit ihrem Freund Viktor habe ich ihr geholfen, die Wohnung aufzuräumen. Das war sehr eindrücklich, davon werde ich Ihnen heute gerne erzählen! Wandern Sie gerne, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer? Ich wollte mich in der Natur entspannen, aber leider hatten viele Menschen die genau gleiche Idee wie ich und es war alles andere als erholsam. Von meinem Ausflug auf die Rigi erzähle ich Ihnen ebenfalls heute! Viel Vergnügen!
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Ich habe Brigit nie im Krankenhaus besucht, weil ich eine neue Arbeit habe und leider keine Zeit hatte. Aber wir haben zweimal telefoniert und sie war ganz euphorisch [1] am Telefon. Viktor besucht sie regelmässig. Viktor und Brigit kennen sich schon lange und Brigit mag ihn gut, aber irgendwann hat Viktor dann die beste Freundin von Brigit geheiratet.Dann hatten sie viele Jahre keinen Kontakt. Heute ist Viktor geschieden[2] und Brigit und er schreiben sich Whatsapp-Nachrichten hin und her.Als sie ihm geschrieben hat, dass sie sich das Bein gebrochen hat, ist er sofort ins Krankenhaus gekommen. Brigit hat ihm erzählt, dass sie nichts wegwerfen kann, weil sie immer denkt, dass sie es noch brauchen kann. So wie die dreihundert Telefonbücher, oder die vielen Plastiksäcke.Sie schämt sich sehr, weil das nicht mehr ganz normal ist, weil das eine Krankheit ist. Zu Menschen, die zwanghaft [3] Dinge sammeln sagt man Messi. Viktor hat ein Wunder vollbracht [4]. Er hat ihr erklärt, dass es doch viel gemütlicher ist, wenn man nicht so viele Dinge besitzt, weil man sich dann immer wieder einmal etwas Neues kaufen kann. Und weil Brigit auch gerne Besuch hat, hat sie beschlossen [5], dass alles weggeworfen wird. Heute ist Brigit nach Hause gekommen und Viktor und ich stehen mit ihr in der Wohnung. Vor dem Haus steht eine Mulde[6], wo wir alles entsorgen [7]. Brigit klammert sich an fünf Telefonbücher und sagt: "Ihr dürft nicht alle wegwerfen! " Viktor schaut sie an und sagt: "Diese fünf kannst du behalten, aber die anderen werfen wir weg. " Brigit steht auf ihrem Balkon, während Viktor und ich die Telefonbücher in die Mulde werfen. Dann sitzt sie in der Küche und hält sich die Augen zu, während ich die Plastiksäcke und die dreissig Salatschleudern [8] mitnehme. Nach drei Stunden sieht die Wohnung viel besser aus. Brigit kommt mit einer Reisetasche aus dem Wohnzimmer und sagt: "Die Stofftiere will ich nicht wegwerfen, die will ich verschenken. " Ich sage zu ihr: "Wenn wir das nicht heute machen, wirst du sie doch behalten. Wir könnten sie in ein Kinderheim bringen, was denkst du? " Brigit findet es eine gute Idee. Viktor schaut mich an und sagt: "Du musst nicht mehr helfen, du hast so viel gemacht, liebe Nora!" Ich bin sehr froh, dass Viktor da ist und dass ich nicht mehr die einzige bin, die sich um Brigit kümmert. Ich verabschiede mich von den beiden und gehe in meine Wohnung. Die Mulde wird morgen abgeholt, ich hoffe, dass Brigit in der Nacht nicht heimlich [9] wieder alle Sachen in die Wohnung holt. Ich schaue über das Geländer [10] vom Balkon und sehe,wie Viktor Brigit an der Hand nimmt und sie die Reisetasche mit den Stofftieren trägt. Ich bin froh, dass Brigit einen Freund gefunden hat.
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Gehen Sie gerne wandern, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer? Und wenn ja, haben Sie Tipps für mich, was ich unbedingt sehen sollte? Ich bin nämlich kein Wanderprofi. Ich lebe zwar schon immer in der Schweiz, aber ich kenne die Schweiz leider sehr schlecht. Meine beste Freundin hat mich überredet [11] und zusammen sind wir auf die Rigi gegangen. Die Rigi ist ein Berg in der Zentralschweiz und bei Touristen sehr beliebt. Darumsind wir extra am Freitag und nicht am Wochenende gegangen, weil es dann weniger Leute hat. Als wir in Art-Goldau die Zahnradbahn[12] nehmen wollen, ist sie schon voll und wir müssen auf die nächste warten. Die Menschen vor uns drängeln [13] und wir können nicht sitzen und müssen bis zur Bergstation stehen. Meine Freundin sagt: "Wenn wir draussen sind, werden sich die Menschen verteilen und wir können gemütlich wandern." Ich bin genervt [14]. Die Aussicht auf den Zugersee und den Vierwaldstättersee wäre schön, wenn nicht überall Menschen stehen würden, die alles fotografieren. Ich sehe nur durch die Bildschirme der iPhones auf die Seen. Ich sage zu meiner Freundin: "Komm wir essen eine Bratwurst und trinken ein Bier." Sie findet das eine gute Idee. Im ersten Restaurant hat es keinen Platz. Im zweiten auch nicht. Nachdem wir eine halbe Stunde gelaufen sind, finden wir im dritten Restaurant einen Platz an der Sonne. Die Bratwürste sind leider schon kalt, als ich sie zu meiner Freundin an den Tisch bringe. Die Schlange [15] vor dem Getränkestand war so lang, dass sie kalt wurden. Das ist alles nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Vor der Luftseilbahn [16] stehen sehr viele Menschen, die auch nach Weggis möchten. In der Gondel steht mir ein Mann auf den Fuss und seine Frau drückt mir ihren Rucksack ins Gesicht. Ich sage: "Können Sie bitte aufpassen, ich habe keinen Platz!" Die Frau sagt: "Niemand hat hier Platz!" Meine Freundin hat Angst, dass ich einen Streit anfange, aber dann sind wir zum Glück unten angekommen und gehen zum Steg [17],wo das Schiff nach Luzern fährt. Endlich! Genug Platz für alle. Wir sitzen draussen in der Sonne und schauen auf den Vierwaldstättersee. MeineFreundin lacht und sagt: "Es tut mir leid, dass deine erste Wanderung so stressig ist!" Ich lache sie an und sage: "Ich will gar nicht wissen, wie viele Menschen es am Sonntag auf der Rigi hat!" Wir lachen beide und sind dann sehr entspannt. Leider nicht lange. Als das Schiff in Luzernanlegt[18] ist dort Jahrmarkt [19]. Ich werde langsam aber sicher wirklich sauer [20] und sage: "Das darf doch nicht wahr sein, kann man denn nicht einfach seine Ruhe haben?" Überall sind Kinder mit Ballonen, Zuckerwatte und überall ist laute Musik. Vor uns steht plötzlich ein Mädchen, das weint und sagt: "Ich habe meinen Papa verloren!" Wirnehmen sie an die Hand und bringen sie zum Häuschen vor dem Riesenrad, wo man Tickets kaufen kann. Der Mann im Häuschen ruft[21] über den Lautsprecher den Papa des Mädchens aus. Wir warten mit ihr, bis der Papa kommt. Das Mädchen schaut meine Freundin an und fragt: "Habt ihr beide schon lange nicht mehr geschlafen? Ihr seht sehr müde aus." Ich lache laut. Meine Freundin sagt: "Es fährt in fünf Minuten ein Zug nach Zürich." Wir nehmen den Zug, fahren erschöpft [22] nach Zürich und gehen etwas essen. Ausser uns hat es nur vier andere Menschen im Restaurant. Alle anderen sind sicher noch auf der Rigi.
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Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen am 17. November auf podclub.ch und in der App wieder aus meinem Leben erzählen darf. Ich bin auf eine Hochzeit eingeladen, davon werde ich ihnen sicher erzählen. Im Moment habe ich viel zu tun, aber ich habe Tom kurz in der Waschküche gesehen, über ihn erzähle ich Ihnen wieder. Schauen Sie doch in der Zwischenzeit bei Instagram unter #PodClubNora und #zukkerimleben vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Und wenn Sie mir gute Tipps für schöne Wanderungen haben, schreiben Sie mir! Auf Wiederhören! Glossar: Zukker im Leben (D) [1] euphorisch: entzückt sein, sehr gut gelaunt sein, überglücklich
[2] geschieden: nicht mehr verheiratet sein
[3] zwanghaft: krankhaft, etwas immer wieder tun müssen, keine entspannte Handlungen
[4] vollbringen: etwas Besonderes, Aussergewöhnliches schaffen
[5] beschliessen: nach langem Überlegen, etwas entscheiden
[6] die Mulde: ein grosses Gefäss, um Müll zu entsorgen
[7] entsorgen: wegwerfen, aussortieren
[8] die Salatschleuder: ein Gefäss, um Salat zu waschen und zu trocknen
[9] heimlich: ohne ,dass jemand etwas weiss
[10] das Geländer: Befestigung an einer Treppe, Brücke oder Balkonen, um sich daran festzuhalten
[11] überreden: jemanden überzeugen von etwas
[12] die Zahnradbahn: eine Bahn auf Schienen, die durch Zahnräder in Bewegung gesetzt wird
[13] drängeln: jemanden zur Seite schieben und an jemandem vorbei gehen, obwohl man nicht dran ist
[14] genervt sein: gestresst sein, sich über etwas sehr ärgern
[15] die Schlange: viele Menschen, die hintereinander stehen
[16] die Luftseilbahn: eine Bahn, wo Kabinen von Seilen getragen in der Luft hängen und bewegt werden
[17] der Steg: eine schmale Brücke, die vom Land auf das Schiff führt
[18] anlegen: mit dem Schiff an Land ankommen, anhalten
[19] der Jahrmarkt: ein Markt, mit Essen, Karussellen, Riesenrad
[20] sauer sein: wütend sein, schlecht gelaunt sein
[21] jemanden ausrufen: nach jemandem suchen, eine Durchsage machen
[22] erschöpft sein: kraftlos sein, keine Energie haben. Sehr müde sein