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Nietzsche- Also sprach Zarathustra, Also sprach Zarathustra - Ein Buch für Alle und Keinen (1)

Also sprach Zarathustra - Ein Buch für Alle und Keinen (1)

Impressum

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Also sprach Zarathustra

Ein Buch für Alle und Keinen

Zuerst erschienen: 1883

Erster Theil

Zarathustra's Vorrede.

1

Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und

den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes

und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde. Endlich aber

verwandelte sich sein Herz, – und eines Morgens stand er mit der

Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:

»Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du

nicht Die hättest, welchen du leuchtest!

Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest

deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und

meine Schlange.

Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen

Überfluss ab und segneten dich dafür.

Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene,

die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich

ausstrecken.

Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den

Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres Reichthums

froh geworden sind.

Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du

hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches

Gestirn!

Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen,

zu denen ich hinab will.

So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein

allzugrosses Glück sehen kann!

Segne den Becher, welche überfliessen will, dass das Wasser

golden aus ihm fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!

Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will

wieder Mensch werden.«

– Also begann Zarathustra's Untergang.

2

Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und Niemand

begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis

vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu

suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:

Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchen Jahre gieng er her

vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals trugst du

deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Thäler tragen?

Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?

Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde

birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?

Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter

ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?

Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich.

Wehe, du willst an's Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber

schleppen?

Zarathustra antwortete: »Ich liebe die Menschen.«

Warum, sagte der Heilige, gieng ich doch in den Wald und die

Einöde? War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?

Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir

eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.

Zarathustra antwortete: »Was sprach ich von Liebe! Ich bringe

den Menschen ein Geschenk.«

Gieb ihnen Nichts, sagte der Heilige. Nimm ihnen lieber Etwas ab und

trage es mit ihnen – das wird ihnen am wohlsten thun: wenn es dir nur

wohlthut!

Und willst du ihnen geben, so gieb nicht mehr, als ein Almosen, und

lass sie noch darum betteln!

»Nein, antwortete Zarathustra, ich gebe kein Almosen. Dazu bin

ich nicht arm genug.«

Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: So sieh zu,

dass sie deine Schätze annehmen! Sie sind misstrauisch gegen die

Einsiedler und glauben nicht, dass wir kommen, um zu schenken.

Unse Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn

sie Nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne

aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?

Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu

den Thieren! Warum willst du nicht sein, wie ich, – ein Bär unter

Bären, ein Vogel unter Vögeln?

»Und was macht der Heilige im Walde?« fragte

Zarathustra.

Der Heilige antwortete: Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich

Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.

Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein

Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?

Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüsste er den

Heiligen und sprach: »Was hätte ich euch zu geben! Aber lasst mich

schnell davon, dass ich euch Nichts nehme!« – Und so trennten sie

sich von einander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben

lachen.

Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen:

»Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem

Walde noch Nichts davon gehört, dass Gott todt

ist!« –

3

Als Zarathustra in die Nächste Stadt kam, die an den Wäldern

liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war

verheissen worden, das man einen Seiltänzer sehen solle. Und Zarathustra

sprach also zum Volke:

Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das

überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?

Was ist der Affe für en Menschen? Ein Gelächter oder eine

schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen

sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.

Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in

euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe,

als irgend ein Affe.

Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und

Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber heisse ich euch zu Gespenstern oder

Pflanzen werden?

Seht, ich lehre euch den Übermenschen!

Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der

Übermensch sei der Sinn der Erde!

Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde

treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen

reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.

Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete,

deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!

Einst war der Frevel an Gott der grösste Frevel, aber Gott starb,

und damit auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das

Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als

der Sinn der Erde!

Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war

diese Verachtung das Höchste: – sie wollte ihn mager, grässlich,

verhungert. So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen.

Oh diese Seele war selbst noch mager, grässlich und verhungert:

und Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!

Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet

euer Leib von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein

erbärmliches Behagen?

Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein

Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu

werden.

Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist diess Meer, in ihm

kann eure grosse Verachtung untergehn.

Was ist das Grösste, das ihr erleben könnt? Das ist die

Stunde der grossen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum

Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Glücke! Es

ist Armuth und Schmutz, und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück

sollte das Dasein selber rechtfertigen!«

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt

sie nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und

Schmutz und ein erbärmliches Behagen!«

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Tugend! Noch hat

sie mich nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines

Bösen! Alles das ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches

Behagen!«

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich

sehe nicht, dass ich Gluth und Kohle wäre. Aber der Gerecht ist Gluth und

Kohle!«

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Mitleiden! Ist

nicht Mitleid das Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber

mein Mitleiden ist keine Kreuzigung.«

Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon

so schreien gehört hatte!

Nicht eure Sünde – eure Genügsamkeit schreit gen

Himmel, euer Geiz selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel!

Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der

Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?

Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der

ist dieser Wahnsinn!

Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke:

»Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn

auch sehen!« Und alles Volk lachte über Zarathustra. Der

Seiltänzer aber, welcher glaubte, dass das Wort ihm gälte, machte

sich an sein Werk.


Also sprach Zarathustra - Ein Buch für Alle und Keinen (1) Thus Spoke Zarathustra - A Book for All and Nobody (1)

Impressum imprint

Friedrich Wilhelm Nietzsche Friedrich Wilhelm Nietzsche

Also sprach Zarathustra Thus spoke zarathustra

Ein Buch für Alle und Keinen A book for everyone and no one

Zuerst erschienen: 1883 First published: 1883

Erster Theil First part

Zarathustra's Vorrede. Zarathustra's Preface.

1 1

Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und When Zarathustra was thirty years old, he left his homeland and

den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. the lake of his homeland and went into the mountains. Hier genoss er seines Geistes Here he enjoyed his spirit

und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde. and his loneliness and never got tired of his ten years. Endlich aber Finally though

verwandelte sich sein Herz, – und eines Morgens stand er mit der changed his heart, - and one morning he stood with the

Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also: Dawn rose, stepped in front of the sun and said to it thus:

»Du grosses Gestirn! "You great star! Was wäre dein Glück, wenn du What would your happiness be if you

nicht Die hättest, welchen du leuchtest! would not have the ones you shine!

Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest Ten years you came up here to my cave: you would

deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und be fed up with your light and this way, without me, my eagle and

meine Schlange. my snake.

Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen But we waited for you every morning, took yours

Überfluss ab und segneten dich dafür. abundance and blessed you for it.

Siehe! Please refer! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, I'm tired of my wisdom like the bee

die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich who has gathered too much honey, I need hands that are

ausstrecken. stretch out

Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den I want to bestow and distribute until the wise among the

Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres Reichthums men once again of their folly, and the poor once of their riches

froh geworden sind. have become happy.

Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du For this I must descend into the depths: as you do in the evening when you

hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches go behind the sea and still bring light to the underworld, you rich

Gestirn! star!

Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, I must perish like you, as the people call it

zu denen ich hinab will. to which I want to descend.

So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein So bless me, you calm eye, that too without envy

allzugrosses Glück sehen kann! too much happiness can see!

Segne den Becher, welche überfliessen will, dass das Wasser Bless the cup that will overflow that water

golden aus ihm fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage! flow out of it golden and carry the reflection of your bliss everywhere!

Siehe! Please refer! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will This cup wants to be empty again, and Zarathustra wants

wieder Mensch werden.« become human again.«

– Also begann Zarathustra's Untergang. – Thus began Zarathustra's downfall.

2

Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und Niemand Zarathustra climbed down the mountains alone and nobody

begegnete ihm. met him. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis But when he came into the woods, all of a sudden there was an old man

vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu before him who had left his sacred hut to take root in the forest

suchen. Looking for. Und also sprach der Greis zu Zarathustra: And so the old man spoke to Zarathustra:

Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchen Jahre gieng er her This wanderer is no stranger to me: many years ago he went here

vorbei. over. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Zarathustra was his name; but he changed. Damals trugst du Back then you wore

deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Thäler tragen? your ashes on the mountain: do you want to carry your fire into the valleys today?

Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen? Don't you fear the penalties of the arsonist?

Ja, ich erkenne Zarathustra. Yes, I recognize Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde Clean is his eye, and his mouth

birgt sich kein Ekel. hides no disgust. Geht er nicht daher wie ein Tänzer? Doesn't he walk like a dancer?

Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter Zarathustra is transformed, Zarathustra became a child, an awakened one

ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden? is Zarathustra: what do you want now with the sleeping ones?

Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. You lived in solitude as in the sea, and the sea carried you.

Wehe, du willst an's Land steigen? Alas, you want to go ashore? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber Woe betide you want your own body again

schleppen? drag?

Zarathustra antwortete: »Ich liebe die Menschen.« Zarathustra replied: "I love people."

Warum, sagte der Heilige, gieng ich doch in den Wald und die Why, said the saint, did I go into the forest and the

Einöde? wasteland? War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte? Wasn't it because I loved people too much?

Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Now I love God: I don't love people. Der Mensch ist mir man is me

eine zu unvollkommene Sache. too imperfect a thing. Liebe zum Menschen würde mich umbringen. Love for people would kill me.

Zarathustra antwortete: »Was sprach ich von Liebe! Zarathustra answered: "What did I talk about love! Ich bringe I bring

den Menschen ein Geschenk.« a gift to the people.«

Gieb ihnen Nichts, sagte der Heilige. Give them nothing, said the saint. Nimm ihnen lieber Etwas ab und Better take something from them and

trage es mit ihnen – das wird ihnen am wohlsten thun: wenn es dir nur carry it with them - that will do them the best: if only you

wohlthut! goodbye!

Und willst du ihnen geben, so gieb nicht mehr, als ein Almosen, und And if you want to give them, then give no more than alms, and

lass sie noch darum betteln! let her beg for it!

»Nein, antwortete Zarathustra, ich gebe kein Almosen. »No, answered Zarathustra, I do not give alms. Dazu bin am for that

ich nicht arm genug.« I not poor enough.«

Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: So sieh zu, The saint laughed at Zarathustra and spoke thus: See to it,

dass sie deine Schätze annehmen! that they accept your treasures! Sie sind misstrauisch gegen die You are suspicious of them

Einsiedler und glauben nicht, dass wir kommen, um zu schenken. Hermits and do not believe that we come to give.

Unse Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Our steps sound too lonely for them through the streets. Und wie wenn And how if

sie Nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne they hear a man walking in their beds at night, long before the sun rises

aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb? gets up, they probably ask themselves: where does the thief want to go?

Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Don't go to the people and stay in the forest! Gehe lieber noch zu I'd rather go

den Thieren! the beasts! Warum willst du nicht sein, wie ich, – ein Bär unter Why don't you want to be like me, - a bear under

Bären, ein Vogel unter Vögeln? Bears, a bird among birds?

»Und was macht der Heilige im Walde?« fragte "And what is the saint doing in the forest?" asked

Zarathustra. Zarathustra.

Der Heilige antwortete: Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich The saint replied: I make songs and sing them, and when I

Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott. I make songs, laugh, cry and growl: therefore I praise God.

Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein With singing, crying, laughing and humming, I praise the God who is mine

Gott ist. god is Doch was bringst du uns zum Geschenke? But what gifts do you bring us?

Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüsste er den When Zarathustra heard these words, he greeted him

Heiligen und sprach: »Was hätte ich euch zu geben! saints and said: What would I have to give you! Aber lasst mich But leave me

schnell davon, dass ich euch Nichts nehme!« – Und so trennten sie quickly, that I take nothing from you!” And so they parted

sich von einander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben away from each other, the old man and the man, laughing like two boys

lachen. laugh.

Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: But when Zarathustra was alone, he said to his heart:

»Sollte es denn möglich sein! 'If it should be possible! Dieser alte Heilige hat in seinem This old saint has in his

Walde noch Nichts davon gehört, dass Gott todt Walde has not yet heard that God is dead

ist!« – is!" -

3

Als Zarathustra in die Nächste Stadt kam, die an den Wäldern When Zarathustra came to the next town, the one by the woods

liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war lies, he found there many people gathered in the market place: for it was

verheissen worden, das man einen Seiltänzer sehen solle. been promised that one should see a tightrope walker. Und Zarathustra

sprach also zum Volke: said thus to the people:

Ich lehre euch den Übermenschen. I teach you the superman. Der Mensch ist Etwas, das Man is something that

überwunden werden soll. is to be overcome. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden? What have you done to overcome him?

Was ist der Affe für en Menschen? What is the monkey for en humans? Ein Gelächter oder eine A laugh or a

schmerzliche Scham. painful shame. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen And that is exactly what man should do for the superman

sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. be: a laughter or a painful shame.

Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in You have made the way from worm to man, and a lot is in

euch noch Wurm. you still worm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe, You were once apes, and now man is more apes,

als irgend ein Affe. than any monkey.

Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und But whoever is the wisest among you is also only a dichotomy and

Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Hybrid of plant and ghost. Aber heisse ich euch zu Gespenstern oder But do I call you ghosts or

Pflanzen werden? become plants?

Seht, ich lehre euch den Übermenschen! Behold, I am teaching you the Superman!

Der Übermensch ist der Sinn der Erde. The superman is the meaning of the earth. Euer Wille sage: der Your will say: the

Übermensch sei der Sinn der Erde! Superman be the meaning of the earth!

Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde I implore you, my brothers, stay on earth

treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen faithful and do not believe those who tell you of supernatural hopes

reden! talk! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht. Poisoners are, whether they know it or not.

Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, They are despisers of life, dying and themselves poisoned,

deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren! whose the earth is weary: so let them go!

Einst war der Frevel an Gott der grösste Frevel, aber Gott starb, Once the sacrilege against God was the greatest sacrilege, but God died

und damit auch diese Frevelhaften. and with it also these wicked ones. An der Erde zu freveln ist jetzt das Now that is to blaspheme the earth

Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als most dreadful and the bowels of the unfathomable to esteem higher than

der Sinn der Erde! the meaning of the earth!

Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war Once upon a time the soul looked contemptuously at the body: and then it was

diese Verachtung das Höchste: – sie wollte ihn mager, grässlich, this contempt the highest: - she wanted him skinny, ghastly,

verhungert. starved. So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen. So she thought of escaping him and the earth.

Oh diese Seele war selbst noch mager, grässlich und verhungert:

und Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!

Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet

euer Leib von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein

erbärmliches Behagen?

Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein

Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu

werden.

Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist diess Meer, in ihm

kann eure grosse Verachtung untergehn.

Was ist das Grösste, das ihr erleben könnt? Das ist die

Stunde der grossen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum

Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Glücke! Es

ist Armuth und Schmutz, und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück

sollte das Dasein selber rechtfertigen!«

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt

sie nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und

Schmutz und ein erbärmliches Behagen!«

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Tugend! Noch hat

sie mich nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines

Bösen! Alles das ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches

Behagen!«

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich

sehe nicht, dass ich Gluth und Kohle wäre. Aber der Gerecht ist Gluth und

Kohle!«

Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Mitleiden! Ist

nicht Mitleid das Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber

mein Mitleiden ist keine Kreuzigung.«

Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon

so schreien gehört hatte!

Nicht eure Sünde – eure Genügsamkeit schreit gen

Himmel, euer Geiz selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel!

Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der

Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?

Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der

ist dieser Wahnsinn!

Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke:

»Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn

auch sehen!« Und alles Volk lachte über Zarathustra. Der

Seiltänzer aber, welcher glaubte, dass das Wort ihm gälte, machte

sich an sein Werk.