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Napoleon: Eine Novelle, Napoleon: Eine Novelle (1)

Napoleon: Eine Novelle

The Project Gutenberg EBook of Napoleon, by Carl Sternheim

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org

Title: Napoleon Eine Novelle

Author: Carl Sternheim

Release Date: November 17, 2012 [EBook #41384]

Language: German

* START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NAPOLEON *

Produced by Jens Sadowski

NAPOLEON

EINE NOVELLE VON CARL STERNHEIM

LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG 1915

Mit drei Lithographien von Ottomar Starke. Gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig Juli 1915 als neunzehnter Band der Bücherei »Der jüngste Tag«

COPYRIGHT 1915 BY KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG

FÜR THEA, MEINE LIEBE FRAU

NAPOLEON

NAPOLEON wurde 1820 zu Waterloo im Eckhaus, vor dem sich die Steinwege nach Nivelles und Genappes trennen, geboren. Sein Kinderleben verließ historischen Boden nicht.

Über die durch Hohlwege gekreuzten Flächen, auf denen des Kaisers Kürassiere in Knäueln zu Tode gestürzt waren, gingen seine Soldatenspiele mit Gleichalterigen. Sie lehrten ihn ewige Gefahr, Wunden und Sieg.

Zwölf Jahre alt, nahm er von Kameraden beherrschten Abschied, sprang zum Vater in die Kalesche und fuhr nach Brüssel hinüber, wo er vor ein Gasthaus abgesetzt wurde. In der Küche des Lion d'or lernte er Schaum schlagen, Fett spritzen, schneiden und schälen. Gewohnter Überwinder der Kameraden auf weltberühmter Walstatt, ließ er auch hier ganz natürlich die Mitlernenden hinter sich und war der erste, der die Geflügelpastete nicht nur zur Zufriedenheit des Chefs zubereitete, sondern auch nach den Gesetzen zerlegte.

Er selbst blieb von allen Speisenden der einzige, den der Vol-au-vent nicht befriedigte, doch nahm er Lob und ehrenvolles Zeugnis hin, machte sich, siebenzehnjährig, auf den Weg und betrat an einem Maimorgen des Jahres 1837 durch das Sankt Martinstor Paris.

Als er von einer Bank am Flußufer die strahlende Stadt und ihre Bewegung übersah, wurde ihm zur Gewißheit, was er in Brüssel geahnt: Nie würde er aus den allem Verkehr fernliegenden Küchenräumen jene enge Berührung mit Menschen finden, die sein Trieb verlangte. Tage hindurch, solange die ersparte Summe in der Tasche das Nichtstun litt, folgte er den Kellnern in den Wirtschaften gespannten Blicks mit inniger Anteilnahme; verschlang ihre und der Essenden Reden, Lachen, Gesten. An einem hellen Mittag, da eine Dame Trauben vom Teller hob, den ihr der Kellner bot, trat er stracks in die Taverne auf den Wirt zu und empfahl sich ihm durch Gebärden und flinken Blick als Speisenträger.

Nun brachte er Mittag- und Abendmahl für alle Welt herbei. Es kam von beiden Geschlechtern jedes Alter und jeder Beruf zu seinen Schüsseln und sättigte sich. Unermüdlich schleppte er auf die Tische, fing hungrige Blicke auf und satte, räumte er ab. Nachts träumte er von malmenden Kiefern, schlürfenden Zungen und ging anderes Morgens von neuem ans Tagwerk im Bewußtsein seiner Notwendigkeit.

Erst allmählich sah er Unterschiede des Essens von schmatzenden Lippen ab. Er kannte den gierigen, weitgeöffneten Rachen des Studenten, durch den unsortierte Bissen in ein niegestopftes Loch fielen, unterschied den Vertilger eines nicht heißhungrig ersehnten, doch regelmäßig gewohnten Mahles von jenem Überernährten, der ungern zum Tisch sich niederließ und gelangweilt Leckerbissen kostete und zurückschob. Er prägte sich die kauende, trinkende Menschheit in allen Abstufungen fest und bildhaft ein.

Durch Kennerschaft wurde er ihr Berater und Führer; wies den Hungrigen feste Nahrung, bediente die ewig Satten mit Schaum und Gekröse; von ihm zu allen Tischen lief ein Band des Verständnisses. Hob der Gast nur die Karte, fiel von Napoleons Lippen erlösend der gewünschten Speise Name.

Jahrelang blieben die seine Lieblinge, deren leibliche Not die Kost stillen sollte. Ein saftiges Stück Fleisch, von kräftigen Zähnen gebissen, schien ihm die gelungenste Vorstellung. Doch machte er Unterschiede zwischen den Sorten. Ließ er Kalb und Lamm im Hinblick auf ihre festere Zusammensetzung gelten, war ihm Wild und Geflügel wenig sympathisch. Von Fischen, Austern und Verwandtem hielt er der lockeren Struktur wegen nicht das Geringste. Inbegriff guter Nahrung war ihm das Rind. Unwillkürlich sah er beim Hin- und Heimweg die Begegneten auf die Beschaffenheit ihrer Muskulatur hin an. Die erschienen ihm wohl bereitet, die über straffem Knochenbau gedrängte Materie trugen. Die Mageren verachtete er, und die mit losem Fett Gepolsterten waren ihm verhaßt. Einem gut aufgesetzten Körper folgten seine Blicke zärtlich und zerlegten ihn augenblicklich in gigots, selle, côtes und Kotelettes. In der Einbildung streute er Pfeffer und Salz hinzu, garnierte, schnitt und servierte das Ganze mit passendem Salat; dann lächelte das junge Gesicht, und hingerissen, ahnte er nicht, in welcher Zeit er lebte; unterschied Sommer und Winter, Trockenheit und Regen, Überfluß und Notdurft nicht und wußte nur: dies freut den Gast.

Immer hitziger wurde sein Trieb, dem zu Bedienenden sättigende Kost zu bieten. Gewürz und Zutat sah er nur in dem Sinn, wie sie die bestellte Speise fest und ausdauernd machen möchten. Es bildete sich in seine Vorstellung der Raum des leeren Magens, in den er wie aus Betonklötzen die Nahrung baute.

Ging der Gesättigte, der schlappen Schrittes gekommen, wuchtig zur Tür hinaus, hing Napoleons Blick an dem Schreitenden, als sei dessen Lebendigkeit sein Werk. Er brauchte das Bewußtsein schöpferischer Tat, um vor sich bestehen zu können und steigerte es allmählich zur Überzeugung, ohne ihn und seine Pflege sei die Lebensarbeit der Betroffenen nicht möglich. Diese festzustellen, merkte er die Namen der Gäste; nahm an ihrem Vorwärtskommen teil.

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Es geschah, als er am freien Tage durch die Wege der Versailler Parks schritt, in der Einbildung, er habe gerade eine riesige Wurst mit den Höchstwerten menschlicher Nährstoffe gestopft und schnitte den Wartenden Scheiben herunter, daß aufschauend sein Auge zu einem jungen Weibe fiel, das am entblößten Busen ein Kind hängen hatte. Gebannt wurzelte Napoleon am Boden und prägte sich in aufgetane Sinne das Bild rosiger, geblähter Rundheiten an der Frau und dem Säugling ein. War das eine Apotheose seiner Träume von kraftvoller Nahrung und ihrem besten Verbrauch! Er hätte an die Nährende niederfallen und durch Umschlingung ihres und des Kindes Leibes an dem erhabenen Vorgang teilnehmen mögen.

Das geschaute Bild verließ ihn nicht und veranlaßte ihn, flüssigen Stoffen gesteigerte Aufmerksamkeit zu schenken; dann aber hob es den Wert der Frau, der bis heute ihrer geringen Lust zum Essen wegen für seine Welt nicht groß gewesen war, sich jetzt aber unter einem anderen Gesichtspunkt auf das beste ins große Tableau tafelnder Menschheit einordnete. Zum ersten Mal besah er das Mädchen an der Anrichte, dem er bisher nur den kräftigen Gliederbau hatte bestätigen müssen, und immer eindringlicher, als prüfe er es auf gewisse ihm nun einleuchtende Möglichkeiten. Er fand, sie nähme als Nahrung zu viel leichtes Zeug, belade sich mit Geblasenem und Aufgerolltem, das im Magen zu einem Nichts zusammenfiele, warnte sie vor Klebrigkeit und Süßem und forderte sie eines Tages geradezu auf, mit ihm irgendwo ein Mahl zu nehmen, das bis ins kleinste von ihm zusammengestellt, in seinem Wert für sie erörtert werden solle. Das Mädchen nahm des Mannes Kauderwelsch für einen Umschweif, willigte ein, und sie gingen an einem der nächsten Tage gemeinsam ein Stück über Land und traten in einen Gasthof ab.

Dort verschwand Napoleon und erklärte zurückkommend der schmollenden Suzanne, er habe in der Küche selbst bis ins Kleinste vorgesorgt. Mit einem Ragout vom Hammel in einer Burgunderweinsauce beginne man und gehe, alle falschen Vorspiegelungen verschmähend, geradezu auf ein wundervolles, halbblutiges Rindslendenstück zu, an das er englische Gurken und Zwiebeln habe braten lassen.

Als das Essen aufgetragen war, wies er sie, die Bissen langsam zu kauen und ohne Zukost von Brot zu schlucken. Er ruhte nicht, bis das letzte Teilchen auf der Schüssel vertilgt war und befahl ihr und sich selbst ein Gläschen Schnaps zu besserem Bekommen an.

Da nach Tisch sie draußen im Gras lagen, breitete er Arme und Beine von sich und riet ihr, ein Gleiches zu tun. Er sei ein schmächtiger Bursch gewesen und nur durch vernünftige Nahrung und angemessene Verdauung sein Gewebe fest und kräftig geworden. Dabei ließ er durch Beugung die Muskeln der Arme und Waden zu kleinen Bällen schwellen, worauf sie, in der Eitelkeit verletzt, auch ihre Glieder spielen ließ und ihn zur Prüfung der festen Beschaffenheit einlud. Doch bestritt er alles von vornherein, meinte, es sei bei ihrer bisherigen Ernährung gar nicht möglich und forderte sie auf, in Zukunft nach seinen Vorschriften zu leben. Dann werde, was nicht da sei, kommen.

Er gefiel ihr. Dieser nüchterne Sinn machte Eindruck auf sie, und sie bemühte sich, seine Erwartung zu erfüllen. Bei den nächsten Ausflügen blieb sie plötzlich stehen, bäumte den Arm auf und ließ seine Hände die Anschwellung fühlen. Doch kam durch Wochen nichts als ein Schnalzen von ihm, das ihr immerhin bedeutete, sie sei auf rechtem Weg. Bis eines Tags beim Versuch, sich ein gelöstes Schuhband zu knüpfen, sie ihm ein so mächtiges Rückenstück entgegenhob, daß eine runde Anerkennung seinen Lippen entfuhr. Gleich lag sie an seiner Brust; bot ihm den Mund zum Kuß.

Der Besitzer der Taverne starb, und Napoleon wurde Inhaber des Speisehauses. Er konnte nun schalten, wie er wollte, und entfernte vollends alle Spielereien von der Karte. Die gleichbleibende Kundschaft, er selbst und Suzanne waren gewichtig auftretende Personen geworden, die eine Rede deutlich in den Mund nahmen. Es gab in seinen Räumen kein Getuschel, sondern zu schallenden Worten dröhnendes Lachen. Ein forsches Zugreifen und Fortstellen. Überzeugte Meinungen und Entschlüsse für kühne Taten.

Napoleons Vaterunser und Einmaleins hieß: in allen Molekülen drängende Kraft. Von Suzannes Kind, das sie von ihm unter dem Herzen trug, rechnete er, es müsse nach Menschenermessen ein Herkules werden.

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Napoleon: Eine Novelle Napoleon: A Novella Napolyon: Bir Roman

The Project Gutenberg EBook of Napoleon, by Carl Sternheim Napolyon'un Gutenberg Projesi E-Kitabı, Carl Sternheim

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Title: Napoleon Title: Napoleon Eine Novelle A novella

Author: Carl Sternheim Author: Carl Sternheim

Release Date: November 17, 2012 [EBook #41384]

Language: German

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NAPOLEON *** * START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NAPOLEON *

Produced by Jens Sadowski

NAPOLEON

EINE NOVELLE VON CARL STERNHEIM

LEIPZIG LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG KURT WOLFF PUBLISHING 1915

Mit drei Lithographien von Ottomar Starke. With three lithographs by Ottomar Starke. С тремя литографиями Оттомара Старке. Ottomar Starke'nin üç litografisiyle. Gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig Juli 1915 als neunzehnter Band der Bücherei »Der jüngste Tag« Printed by Poeschel & Trepte in Leipzig in July 1915 as the nineteenth volume of the library »The Youngest Day« Напечатано издательством Poeschel & Trepte в Лейпциге в июле 1915 года как девятнадцатый том библиотеки «Самый молодой день». Poeschel & Trepte tarafından Temmuz 1915'te Leipzig'de »En Genç Gün« kütüphanesinin on dokuzuncu cildi olarak basılmıştır.

COPYRIGHT 1915 BY KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG

FÜR THEA, MEINE LIEBE FRAU FOR THEA, MY DEAR WIFE

NAPOLEON NAPOLEON

NAPOLEON wurde 1820 zu Waterloo im Eckhaus, vor dem sich die Steinwege nach Nivelles und Genappes trennen, geboren. NAPOLEON was born in Waterloo in 1820 in the corner house in front of which the stone paths to Nivelles and Genappes separate. НАПОЛЕОН родился в Ватерлоо в 1820 году в угловом доме, перед которым расходятся каменные дорожки на Нивель и Женап. NAPOLEON, 1820'de Waterloo'da, önünde Nivelles ve Genappes'e giden taş patikaların ayrıldığı köşe evde doğdu. Sein Kinderleben verließ historischen Boden nicht. His childhood life did not leave historical ground. Его детская жизнь не покидала исторической почвы.

Über die durch Hohlwege gekreuzten Flächen, auf denen des Kaisers Kürassiere in Knäueln zu Tode gestürzt waren, gingen seine Soldatenspiele mit Gleichalterigen. His soldiers' games with contemporaries went over the plains criss-crossed by sunken paths, on which the Emperor's cuirassiers had fallen to their death in knots. Его солдатские игры со сверстниками шли по равнинам, испещренным протоптанными тропами, на которых кирасиры Императора сбились насмерть в узел. Sie lehrten ihn ewige Gefahr, Wunden und Sieg. They taught him eternal danger, wounds and victory. Они научили его вечной опасности, ранам и победе.

Zwölf Jahre alt, nahm er von Kameraden beherrschten Abschied, sprang zum Vater in die Kalesche und fuhr nach Brüssel hinüber, wo er vor ein Gasthaus abgesetzt wurde. Twelve years old, he said goodbye to his comrades in a controlled manner, jumped into his father's carriage and drove over to Brussels, where he was dropped off in front of an inn. В возрасте двенадцати лет он сдержанно попрощался со своими товарищами, прыгнул в карету отца и поехал в Брюссель, где его высадили перед гостиницей. In der Küche des Lion d'or lernte er Schaum schlagen, Fett spritzen, schneiden und schälen. In the kitchen of the Lion d'or he learned how to whip foam, squirt fat, cut and peel. На кухне «Золотого льва» он научился взбивать пену, брызгать жиром, резать и чистить кожуру. Gewohnter Überwinder der Kameraden auf weltberühmter Walstatt, ließ er auch hier ganz natürlich die Mitlernenden hinter sich und war der erste, der die Geflügelpastete nicht nur zur Zufriedenheit des Chefs zubereitete, sondern auch nach den Gesetzen zerlegte. Accustomed to overcoming his comrades on the world-famous battleground, he quite naturally left his fellow learners behind and was the first to not only prepare the chicken pie to the boss's satisfaction, but also to cut it up according to the laws. Привыкший побеждать своих товарищей на всемирно известном поле боя, он вполне естественно оставил своих однокурсников позади и первым не только приготовил куриный пирог к удовольствию босса, но и разделал его согласно законам.

Er selbst blieb von allen Speisenden der einzige, den der Vol-au-vent nicht befriedigte, doch nahm er Lob und ehrenvolles Zeugnis hin, machte sich, siebenzehnjährig, auf den Weg und betrat an einem Maimorgen des Jahres 1837 durch das Sankt Martinstor Paris. Of all the diners he himself was the only one not satisfied by the vol-au-vent, but he accepted praise and honorable testimony, set out at the age of seventeen and entered Paris through the Saint Martin's Gate one May morning in 1837. Из всех обедающих он сам был единственным, кого не удовлетворил волован, но он принял похвалу и почетное свидетельство, отправился в путь в возрасте семнадцати лет и вошел в Париж через ворота Сен-Мартен одним майским утром 1837 года.

Als er von einer Bank am Flußufer die strahlende Stadt und ihre Bewegung übersah, wurde ihm zur Gewißheit, was er in Brüssel geahnt: Nie würde er aus den allem Verkehr fernliegenden Küchenräumen jene enge Berührung mit Menschen finden, die sein Trieb verlangte. As he surveyed the radiant city and its movement from a bench on the river bank, he realized what he had suspected in Brussels: he would never find the close contact with people that his instincts demanded from the kitchen rooms, far from all traffic. Глядя на сияющий город и его движение со скамейки на берегу реки, он понял то, о чем подозревал в Брюсселе: ему никогда не найти близкого контакта с людьми, которого его инстинкты требовали от кухонных комнат, вдали от пробок. Tage hindurch, solange die ersparte Summe in der Tasche das Nichtstun litt, folgte er den Kellnern in den Wirtschaften gespannten Blicks mit inniger Anteilnahme; verschlang ihre und der Essenden Reden, Lachen, Gesten. Целыми днями, пока скопившаяся у него в кармане сумма страдала от бездействия, он следил за официантами в гостиницах с зорким взглядом и глубоким сочувствием; пожирали ее и тех, кто ел речи, смех, жесты. An einem hellen Mittag, da eine Dame Trauben vom Teller hob, den ihr der Kellner bot, trat er stracks in die Taverne auf den Wirt zu und empfahl sich ihm durch Gebärden und flinken Blick als Speisenträger. В один светлый полдень, когда дама собирала виноград с тарелки, которую ей предложил официант, он пошел прямо в трактир к трактирщику и жестами и беглым взглядом представился ему как развозчик еды.

Nun brachte er Mittag- und Abendmahl für alle Welt herbei. Теперь он принес полдень и ужин для всего мира. Es kam von beiden Geschlechtern jedes Alter und jeder Beruf zu seinen Schüsseln und sättigte sich. Оно приходило от обоих полов всех возрастов и всех профессий к его мискам и насыщалось. Unermüdlich schleppte er auf die Tische, fing hungrige Blicke auf und satte, räumte er ab. Nachts träumte er von malmenden Kiefern, schlürfenden Zungen und ging anderes Morgens von neuem ans Tagwerk im Bewußtsein seiner Notwendigkeit. At night he dreamed of crushing jaws and slurping tongues, and the next morning he went back to his day's work, aware of his necessity.

Erst allmählich sah er Unterschiede des Essens von schmatzenden Lippen ab. Only gradually did he disregard differences in food from smacking lips. Er kannte den gierigen, weitgeöffneten Rachen des Studenten, durch den unsortierte Bissen in ein niegestopftes Loch fielen, unterschied den Vertilger eines nicht heißhungrig ersehnten, doch regelmäßig gewohnten Mahles von jenem Überernährten, der ungern zum Tisch sich niederließ und gelangweilt Leckerbissen kostete und zurückschob. Er prägte sich die kauende, trinkende Menschheit in allen Abstufungen fest und bildhaft ein. He memorized the chewing, drinking humanity in all gradations firmly and pictorially.

Durch Kennerschaft wurde er ihr Berater und Führer; wies den Hungrigen feste Nahrung, bediente die ewig Satten mit Schaum und Gekröse; von ihm zu allen Tischen lief ein Band des Verständnisses. Through connoisseurship he became her adviser and guide; denied solid food to the hungry, served the eternally full with foam and mesentery; from him to all the tables ran a bond of understanding. Hob der Gast nur die Karte, fiel von Napoleons Lippen erlösend der gewünschten Speise Name.

Jahrelang blieben die seine Lieblinge, deren leibliche Not die Kost stillen sollte. For years they remained his favorites, whose physical needs the food was supposed to satisfy. Ein saftiges Stück Fleisch, von kräftigen Zähnen gebissen, schien ihm die gelungenste Vorstellung. Doch machte er Unterschiede zwischen den Sorten. Ließ er Kalb und Lamm im Hinblick auf ihre festere Zusammensetzung gelten, war ihm Wild und Geflügel wenig sympathisch. If he accepted veal and lamb in view of their firmer composition, he had little sympathy for game and poultry. Von Fischen, Austern und Verwandtem hielt er der lockeren Struktur wegen nicht das Geringste. Inbegriff guter Nahrung war ihm das Rind. For him, the epitome of good food was beef. Unwillkürlich sah er beim Hin- und Heimweg die Begegneten auf die Beschaffenheit ihrer Muskulatur hin an. On the way there and back he couldn't help but look at the condition of the muscles at the people he met. Die erschienen ihm wohl bereitet, die über straffem Knochenbau gedrängte Materie trugen. Die Mageren verachtete er, und die mit losem Fett Gepolsterten waren ihm verhaßt. He despised the thin and hated those padded with loose fat. Einem gut aufgesetzten Körper folgten seine Blicke zärtlich und zerlegten ihn augenblicklich in gigots, selle, côtes und Kotelettes. His gaze tenderly followed a well-put-on body and immediately dissected it into gigots, selle, côtes and chops. In der Einbildung streute er Pfeffer und Salz hinzu, garnierte, schnitt und servierte das Ganze mit passendem Salat; dann lächelte das junge Gesicht, und hingerissen, ahnte er nicht, in welcher Zeit er lebte; unterschied Sommer und Winter, Trockenheit und Regen, Überfluß und Notdurft nicht und wußte nur: dies freut den Gast.

Immer hitziger wurde sein Trieb, dem zu Bedienenden sättigende Kost zu bieten. Gewürz und Zutat sah er nur in dem Sinn, wie sie die bestellte Speise fest und ausdauernd machen möchten. Es bildete sich in seine Vorstellung der Raum des leeren Magens, in den er wie aus Betonklötzen die Nahrung baute.

Ging der Gesättigte, der schlappen Schrittes gekommen, wuchtig zur Tür hinaus, hing Napoleons Blick an dem Schreitenden, als sei dessen Lebendigkeit sein Werk. Er brauchte das Bewußtsein schöpferischer Tat, um vor sich bestehen zu können und steigerte es allmählich zur Überzeugung, ohne ihn und seine Pflege sei die Lebensarbeit der Betroffenen nicht möglich. Diese festzustellen, merkte er die Namen der Gäste; nahm an ihrem Vorwärtskommen teil.

* *

Es geschah, als er am freien Tage durch die Wege der Versailler Parks schritt, in der Einbildung, er habe gerade eine riesige Wurst mit den Höchstwerten menschlicher Nährstoffe gestopft und schnitte den Wartenden Scheiben herunter, daß aufschauend sein Auge zu einem jungen Weibe fiel, das am entblößten Busen ein Kind hängen hatte. Gebannt wurzelte Napoleon am Boden und prägte sich in aufgetane Sinne das Bild rosiger, geblähter Rundheiten an der Frau und dem Säugling ein. War das eine Apotheose seiner Träume von kraftvoller Nahrung und ihrem besten Verbrauch! Er hätte an die Nährende niederfallen und durch Umschlingung ihres und des Kindes Leibes an dem erhabenen Vorgang teilnehmen mögen.

Das geschaute Bild verließ ihn nicht und veranlaßte ihn, flüssigen Stoffen gesteigerte Aufmerksamkeit zu schenken; dann aber hob es den Wert der Frau, der bis heute ihrer geringen Lust zum Essen wegen für seine Welt nicht groß gewesen war, sich jetzt aber unter einem anderen Gesichtspunkt auf das beste ins große Tableau tafelnder Menschheit einordnete. The image he saw did not leave him and caused him to pay increased attention to liquid substances; But then it raised the value of the woman, who until now had not been great for his world because of her lack of desire to eat, but now, from a different point of view, placed herself at the best in the great tableau of mankind. Zum ersten Mal besah er das Mädchen an der Anrichte, dem er bisher nur den kräftigen Gliederbau hatte bestätigen müssen, und immer eindringlicher, als prüfe er es auf gewisse ihm nun einleuchtende Möglichkeiten. Er fand, sie nähme als Nahrung zu viel leichtes Zeug, belade sich mit Geblasenem und Aufgerolltem, das im Magen zu einem Nichts zusammenfiele, warnte sie vor Klebrigkeit und Süßem und forderte sie eines Tages geradezu auf, mit ihm irgendwo ein Mahl zu nehmen, das bis ins kleinste von ihm zusammengestellt, in seinem Wert für sie erörtert werden solle. Das Mädchen nahm des Mannes Kauderwelsch für einen Umschweif, willigte ein, und sie gingen an einem der nächsten Tage gemeinsam ein Stück über Land und traten in einen Gasthof ab.

Dort verschwand Napoleon und erklärte zurückkommend der schmollenden Suzanne, er habe in der Küche selbst bis ins Kleinste vorgesorgt. Mit einem Ragout vom Hammel in einer Burgunderweinsauce beginne man und gehe, alle falschen Vorspiegelungen verschmähend, geradezu auf ein wundervolles, halbblutiges Rindslendenstück zu, an das er englische Gurken und Zwiebeln habe braten lassen.

Als das Essen aufgetragen war, wies er sie, die Bissen langsam zu kauen und ohne Zukost von Brot zu schlucken. Er ruhte nicht, bis das letzte Teilchen auf der Schüssel vertilgt war und befahl ihr und sich selbst ein Gläschen Schnaps zu besserem Bekommen an.

Da nach Tisch sie draußen im Gras lagen, breitete er Arme und Beine von sich und riet ihr, ein Gleiches zu tun. Er sei ein schmächtiger Bursch gewesen und nur durch vernünftige Nahrung und angemessene Verdauung sein Gewebe fest und kräftig geworden. Dabei ließ er durch Beugung die Muskeln der Arme und Waden zu kleinen Bällen schwellen, worauf sie, in der Eitelkeit verletzt, auch ihre Glieder spielen ließ und ihn zur Prüfung der festen Beschaffenheit einlud. Doch bestritt er alles von vornherein, meinte, es sei bei ihrer bisherigen Ernährung gar nicht möglich und forderte sie auf, in Zukunft nach seinen Vorschriften zu leben. Dann werde, was nicht da sei, kommen.

Er gefiel ihr. Dieser nüchterne Sinn machte Eindruck auf sie, und sie bemühte sich, seine Erwartung zu erfüllen. Bei den nächsten Ausflügen blieb sie plötzlich stehen, bäumte den Arm auf und ließ seine Hände die Anschwellung fühlen. Doch kam durch Wochen nichts als ein Schnalzen von ihm, das ihr immerhin bedeutete, sie sei auf rechtem Weg. Bis eines Tags beim Versuch, sich ein gelöstes Schuhband zu knüpfen, sie ihm ein so mächtiges Rückenstück entgegenhob, daß eine runde Anerkennung seinen Lippen entfuhr. Gleich lag sie an seiner Brust; bot ihm den Mund zum Kuß.

Der Besitzer der Taverne starb, und Napoleon wurde Inhaber des Speisehauses. Er konnte nun schalten, wie er wollte, und entfernte vollends alle Spielereien von der Karte. Die gleichbleibende Kundschaft, er selbst und Suzanne waren gewichtig auftretende Personen geworden, die eine Rede deutlich in den Mund nahmen. Es gab in seinen Räumen kein Getuschel, sondern zu schallenden Worten dröhnendes Lachen. Ein forsches Zugreifen und Fortstellen. Überzeugte Meinungen und Entschlüsse für kühne Taten.

Napoleons Vaterunser und Einmaleins hieß: in allen Molekülen drängende Kraft. Von Suzannes Kind, das sie von ihm unter dem Herzen trug, rechnete er, es müsse nach Menschenermessen ein Herkules werden.

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