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Sherlock Holmes - Der blaue Karfunkel, Der blaue Karfunkel - Teil 6

Der blaue Karfunkel - Teil 6

Wir durchquerten Holborn, gingen die Endell Street hinunter und hatten schließlich auch das Gewirr der Slums vor dem Covent Garden Market hinter uns gelassen. Einer der größten Verkaufsstände trug den Namen ›Breckinridge‹. Der Besitzer, der wie ein Jockey aussah, ein hageres Gesicht hatte und einen Backenbart trug, half einem Jungen, die Läden vorzuhängen.

»Guten Abend, kalt heute«, sagte Holmes.

Der Händler nickte und warf einen fragenden Blick auf meinen Gefährten.

»Die Gänse sind wohl ausverkauft«, fuhr Holmes fort und deutete auf die leere Marmortheke.

»Morgen früh können Sie fünfhundert haben.«

»Sehr schade.«

»Da drüben, an dem Stand mit der Gasbeleuchtung, gibt es noch welche.«

»Ja, aber man hat mir Sie empfohlen.«

»Wer?«

»Der Wirt vom ›Alpha‹.«

»Ah, ja. Ich habe ihm ein paar Dutzend geliefert.«

»Prächtige Vögel waren das. Wo haben Sie die bezogen?«

Zu meiner Überraschung rief die Frage bei dem Händler einen Ausbruch von Ärger hervor.

»Nun ist's gut, Mister«, sagte er mit erhobenem Kopf, die Arme in die Seiten gestemmt. »Worauf wollen Sie ‘raus? Reden wir offen.«

»Ich rede offen genug. Ich möchte wissen, wer Ihnen die Gänse geliefert hat, die Sie an das ›Alpha‹ verkauften.«

»Na gut: Das werde ich Ihnen nicht sagen. Und was jetzt?«

»Ach, die Sache ist nicht so wichtig. Aber ich weiß nicht, warum Sie sich wegen so einer Kleinigkeit derart erhitzen.«

»Erhitzen! Ihnen würde vielleicht genauso heiß werden, wenn man Sie so löcherte, wie ich gelöchert werde. Wenn ich gutes Geld für gute Ware bezahlt habe, dann sollte das Geschäft ausgestanden sein. Aber nein, es geht weiter: ›Wo sind die Gänse?‹, und: ›Woher haben Sie die bezogen?‹, und: ›Was nehmen Sie für die Gänse?‹ Man sollte meinen, das wären die einzigen Gänse von der Welt, wenn man den Lärm hört, der um sie gemacht wird.«

»Nun, ich stehe nicht mit irgendwelchen anderen Leuten in Verbindung, die Sie befragt haben«, sagte Holmes unbekümmert. »Wenn Sie es uns nicht sagen, dann ist die Wette geplatzt, sonst nichts. Aber ich bin immer bereit, meine Meinung zu vertreten, wenn es um Geflügel geht, und ich habe fünf Pfund darauf gesetzt, daß der Vogel, den ich gegessen habe, aus einer ländlichen Zucht stammt.«

»Gut, dann haben Sie also fünf Pfund verloren, denn die Gänse kamen aus einer städtischen Zucht«, sagte der Händler barsch.

»Das kann nicht sein.«

»Wenn ich es Ihnen sage.«

»Ich glaube Ihnen nicht.«

»Denken Sie, Sie wissen mehr über Geflügel als ich, der ich mich mit dem Viehzeug abgebe, seit ich Gehilfe war? Ich sage Ihnen: Alle die Vögel, die ich ans ›Alpha‹ geliefert habe, stammen aus einer städtischen Zucht.«

»Das können Sie mir nie einreden.«

»Wollen wir wetten?«

»Ich würde Ihnen doch nur Ihr Geld abnehmen, denn ich weiß, daß ich recht habe. Aber ich setze einen Sovereign gegen Sie, nur um Ihnen beizubringen, daß man nicht eigensinnig sein soll.«

Der Händler lachte grimmig. »Bring mir die Bücher, Bill«, sagte er.

Der Junge brachte einen kleinen, dünnen und einen großen, fettverschmierten Band und legte sie nebeneinander unter die Hängelampe.

»Nun denn, Mister Alleswisser«, sagte der Händler, »ich dachte, ich wär alle Gänse los, aber vor Ladenschluß kommen Sie und sagen mir, es ist noch nicht alles erledigt. Also, sehen Sie dieses kleine Buch?«

»Und?«

»Das enthält die Aufstellung der Leute, bei denen ich kaufe, sehen Sie? Gut. Hier auf der Seite stehen die Leute vom Land, und die Nummern hinter den Namen verweisen auf die Seiten im Hauptbuch, wo die Rechnungen eingetragen sind. Und jetzt! Sehen Sie die Seite, auf der die Eintragungen mit roter Tinte gemacht sind. Das ist die Liste meiner Lieferanten aus der Stadt. Nun schauen Sie sich mal diesen dritten Namen hier an. Lesen Sie ihn vor.«

»Mrs. Oakshott, Brixton Road 117 – Seite 249«, las Holmes.

»So ist es. Und jetzt schlagen Sie im Hauptbuch nach.«

Holmes schlug die angegebene Seite auf. »Hier haben wir's: Mrs. Oakshott, Brixton Road 117, Eier und Geflügellieferant.« »Gut. Und was ist die letzte Eintragung?«

»22. Dezember. 24 Gänse à 7 s. 6 d.«

»Richtig. Da haben Sie's. Und darunter?«

»Verkauft an Mr. Windigate vom ›Alpha‹ für 12 s.«

»Was sagen Sie jetzt?«

Sherlock Holmes schaute tiefbekümmert drein. Er holte einen Sovereign aus der Tasche, warf ihn auf die Theke, wandte sich ab und tat dabei so, als wäre sein Unmut zu groß, als daß Worte ihn ausdrücken könnten. Einige Yard entfernt blieb er unter einer Laterne stehen und lachte auf die herzliche, geräuschlose Weise, die ihm eigen war.

»Einen Mann mit Backenbart, dem ein rosa Tuch aus der Brusttasche guckt, können Sie immer mit einer Wette ködern«, sagte er. »Ich wage zu behaupten, daß ich von dem Manne, wenn ich ihm hundert Pfund auf den Tisch gelegt hätte, nicht mit einer so erschöpfenden Antwort bedient worden wäre wie eben, da ich ihm das Gefühl eingab, er könne mich mit einer Wette aufs Kreuz legen. Nun, Watson, ich denke, wir nähern uns dem Ende unserer Nachforschung, und es bleibt nur noch zu entscheiden, ob wir diese Mrs. Oakshott heute abend aufsuchen wollen oder ob wir uns das für morgen früh aufheben sollten. Nach dem, was der mürrische Bursche gesagt hat über die anderen, die außer uns begierig waren, in der Angelegenheit etwas zu erfahren, möchte ich…«

Seine Bemerkung ging unter in einem Lärmen, das von dem Stand her kam, den wir soeben verlassen hatten.


Der blaue Karfunkel - Teil 6

Wir durchquerten Holborn, gingen die Endell Street hinunter und hatten schließlich auch das Gewirr der Slums vor dem Covent Garden Market hinter uns gelassen. We crossed Holborn, walked down Endell Street and finally left the tangle of slums in front of Covent Garden Market. Einer der größten Verkaufsstände trug den Namen ›Breckinridge‹. One of the largest stalls was called 'Breckinridge'. Der Besitzer, der wie ein Jockey aussah, ein hageres Gesicht hatte und einen Backenbart trug, half einem Jungen, die Läden vorzuhängen. The proprietor, who looked like a jockey, had a gaunt face, and wore whiskers, was helping a boy to curtain the shutters.

»Guten Abend, kalt heute«, sagte Holmes. "Good evening, cold today," said Holmes.

Der Händler nickte und warf einen fragenden Blick auf meinen Gefährten. The trader nodded and cast a questioning look at my companion.

»Die Gänse sind wohl ausverkauft«, fuhr Holmes fort und deutete auf die leere Marmortheke. "The geese are probably sold out," Holmes continued, pointing to the empty marble counter.

»Morgen früh können Sie fünfhundert haben.« "You can have five hundred in the morning."

»Sehr schade.« "It's a pity."

»Da drüben, an dem Stand mit der Gasbeleuchtung, gibt es noch welche.« “There are some over there by the gaslight stand.”

»Ja, aber man hat mir Sie empfohlen.« "Yes, but you were recommended to me."

»Wer?« "Who?"

»Der Wirt vom ›Alpha‹.« "The landlord of the 'Alpha'."

»Ah, ja. "Ah yes. Ich habe ihm ein paar Dutzend geliefert.« I gave him a few dozen.”

»Prächtige Vögel waren das. 'Magnificent birds they were. Wo haben Sie die bezogen?« Where did you get these?'

Zu meiner Überraschung rief die Frage bei dem Händler einen Ausbruch von Ärger hervor. To my surprise, the question provoked a burst of anger from the dealer.

»Nun ist's gut, Mister«, sagte er mit erhobenem Kopf, die Arme in die Seiten gestemmt. "It's all right, mister," he said, head held high, arms akimbo. »Worauf wollen Sie ‘raus? 'What are you trying to say? Reden wir offen.« Let's talk frankly."

»Ich rede offen genug. 'I speak frankly enough. Ich möchte wissen, wer Ihnen die Gänse geliefert hat, die Sie an das ›Alpha‹ verkauften.« I want to know who gave you the geese you sold to the Alpha.'

»Na gut: Das werde ich Ihnen nicht sagen. “Okay, I won't tell you that. Und was jetzt?« And what now?"

»Ach, die Sache ist nicht so wichtig. 'Oh, it's not that important. Aber ich weiß nicht, warum Sie sich wegen so einer Kleinigkeit derart erhitzen.« But I don't know why you get so worked up over something so small."

»Erhitzen! "Heat! Ihnen würde vielleicht genauso heiß werden, wenn man Sie so löcherte, wie ich gelöchert werde. You might get just as hot if you were drilled the way I'm drilled. Wenn ich gutes Geld für gute Ware bezahlt habe, dann sollte das Geschäft ausgestanden sein. If I paid good money for good stuff, then the deal should be over. Aber nein, es geht weiter: ›Wo sind die Gänse?‹, und: ›Woher haben Sie die bezogen?‹, und: ›Was nehmen Sie für die Gänse?‹ Man sollte meinen, das wären die einzigen Gänse von der Welt, wenn man den Lärm hört, der um sie gemacht wird.« But no, it goes on: ›Where are the geese?‹, and: ›Where did you get them?‹, and: ›What do you take for the geese?‹ You would think they were the only geese in the world when one hears the noise made about them."

»Nun, ich stehe nicht mit irgendwelchen anderen Leuten in Verbindung, die Sie befragt haben«, sagte Holmes unbekümmert. "Well, I'm not in touch with any of the other people you've questioned," said Holmes lightly. »Wenn Sie es uns nicht sagen, dann ist die Wette geplatzt, sonst nichts. 'If you don't tell us then the bet's off, that's all. Aber ich bin immer bereit, meine Meinung zu vertreten, wenn es um Geflügel geht, und ich habe fünf Pfund darauf gesetzt, daß der Vogel, den ich gegessen habe, aus einer ländlichen Zucht stammt.« But I'm always willing to give my opinion when it comes to fowl, and I bet five pounds that the bird I ate was a rural breeder.'

»Gut, dann haben Sie also fünf Pfund verloren, denn die Gänse kamen aus einer städtischen Zucht«, sagte der Händler barsch. 'Well then you've lost five pounds, because the geese were city-bred,' said the trader harshly.

»Das kann nicht sein.« "That can not be."

»Wenn ich es Ihnen sage.« "If I tell you."

»Ich glaube Ihnen nicht.« "I dont believe you."

»Denken Sie, Sie wissen mehr über Geflügel als ich, der ich mich mit dem Viehzeug abgebe, seit ich Gehilfe war? 'Do you think you know more about fowl than I, who have dabbled in livestock since I was a hand? Ich sage Ihnen: Alle die Vögel, die ich ans ›Alpha‹ geliefert habe, stammen aus einer städtischen Zucht.« I'll tell you: all the birds I've delivered to the 'Alpha' come from a city breeder."

»Das können Sie mir nie einreden.« "You can never tell me that."

»Wollen wir wetten?« "Wanna bet?"

»Ich würde Ihnen doch nur Ihr Geld abnehmen, denn ich weiß, daß ich recht habe. 'I would only take your money because I know I'm right. Aber ich setze einen Sovereign gegen Sie, nur um Ihnen beizubringen, daß man nicht eigensinnig sein soll.« But I'll stake a sovereign against you just to teach you not to be stubborn.'

Der Händler lachte grimmig. The trader laughed grimly. »Bring mir die Bücher, Bill«, sagte er. "Bring me the books, Bill," he said.

Der Junge brachte einen kleinen, dünnen und einen großen, fettverschmierten Band und legte sie nebeneinander unter die Hängelampe. The boy brought a small, thin volume and a large, grease-smeared volume and laid them side by side under the hanging lamp.

»Nun denn, Mister Alleswisser«, sagte der Händler, »ich dachte, ich wär alle Gänse los, aber vor Ladenschluß kommen Sie und sagen mir, es ist noch nicht alles erledigt. 'Well then, Mister Know-it-all,' said the dealer, 'I thought I'd got rid of all the geese, but come before the store closes and tell me it's not all settled. Also, sehen Sie dieses kleine Buch?« So, do you see this little book?'

»Und?«

»Das enthält die Aufstellung der Leute, bei denen ich kaufe, sehen Sie? 'That lists the people I buy from, see? Gut. Hier auf der Seite stehen die Leute vom Land, und die Nummern hinter den Namen verweisen auf die Seiten im Hauptbuch, wo die Rechnungen eingetragen sind. Here on the page are the country folk, and the numbers after the names refer to the pages in the ledger where the accounts are entered. Und jetzt! And now! Sehen Sie die Seite, auf der die Eintragungen mit roter Tinte gemacht sind. See the page where the annotations are made in red ink. Das ist die Liste meiner Lieferanten aus der Stadt. This is the list of my suppliers in town. Nun schauen Sie sich mal diesen dritten Namen hier an. Now look at this third name right here. Lesen Sie ihn vor.« Read it.”

»Mrs. »Mrs. Oakshott, Brixton Road 117 – Seite 249«, las Holmes. Oakshott, 117 Brixton Road - page 249,' read Holmes.

»So ist es. Und jetzt schlagen Sie im Hauptbuch nach.« Now look up the ledger. "

Holmes schlug die angegebene Seite auf. Holmes turned to the page indicated. »Hier haben wir's: Mrs. Oakshott, Brixton Road 117, Eier und Geflügellieferant.« "Here we are: Mrs. Oakshott, 117 Brixton Road, purveyor of eggs and poultry." »Gut. Und was ist die letzte Eintragung?« And what's the last entry?'

»22. Dezember. 24 Gänse à 7 s. 24 geese of 7 s. 6 d.« 6 d.«

»Richtig. "Right. Da haben Sie's. There you have it. Und darunter?« And under?"

»Verkauft an Mr. Windigate vom ›Alpha‹ für 12 s.« "Sold to Mr. Windigate of the Alpha for 12s."

»Was sagen Sie jetzt?« "What do you say now?"

Sherlock Holmes schaute tiefbekümmert drein. Sherlock Holmes looked deeply troubled. Er holte einen Sovereign aus der Tasche, warf ihn auf die Theke, wandte sich ab und tat dabei so, als wäre sein Unmut zu groß, als daß Worte ihn ausdrücken könnten. He took a sovereign from his pocket, threw it on the counter, and turned away, pretending his displeasure was too great for words. Einige Yard entfernt blieb er unter einer Laterne stehen und lachte auf die herzliche, geräuschlose Weise, die ihm eigen war. A few yards away he paused under a lantern and laughed in the hearty, noiseless way that was his own.

»Einen Mann mit Backenbart, dem ein rosa Tuch aus der Brusttasche guckt, können Sie immer mit einer Wette ködern«, sagte er. "You can always bait a man with whiskers with a pink handkerchief sticking out of his breast pocket," he said. »Ich wage zu behaupten, daß ich von dem Manne, wenn ich ihm hundert Pfund auf den Tisch gelegt hätte, nicht mit einer so erschöpfenden Antwort bedient worden wäre wie eben, da ich ihm das Gefühl eingab, er könne mich mit einer Wette aufs Kreuz legen. 'I dare say that if I had laid a hundred pounds on the table I should not have been served with such exhaustive answer as I have just given the man, as I made him feel he might betray me with a bet lay. Nun, Watson, ich denke, wir nähern uns dem Ende unserer Nachforschung, und es bleibt nur noch zu entscheiden, ob wir diese Mrs. Oakshott heute abend aufsuchen wollen oder ob wir uns das für morgen früh aufheben sollten. Well, Watson, I think we're nearing the end of our investigation, and it only remains to decide whether we want to see that Mrs Oakshott tonight, or whether we should leave it for tomorrow morning. Nach dem, was der mürrische Bursche gesagt hat über die anderen, die außer uns begierig waren, in der Angelegenheit etwas zu erfahren, möchte ich…« After what the surly fellow has said about the others who besides us were eager to find out something about the matter, I would like to ... "

Seine Bemerkung ging unter in einem Lärmen, das von dem Stand her kam, den wir soeben verlassen hatten. His remark was drowned out in a din that came from the stand we had just left.