Kapitel 2. Heidi muss nach Frankfurt
Am nächsten Tag kommt Peter mit den Ziegen, und Heidi geht wieder mit auf die Weide. So geht es jeden Tag. Dann kommt der Herbst. Die Tannen vor der Alphütte rauschen. Es wird kalt, der erste Schnee fällt. Jetzt bringt Peter die Ziegen nicht mehr auf die Alp. Es schneit und schneit, alles ist weiß. Peter steigt durch den tiefen Schnee zu Alp-Öhis Hütte auf. Es ist ihm langweilig ohne Heidi! Und der Alp-Öhi gibt ihm immer etwas zu essen. Peters Großmutter möchte Heidi auch kennenlernen, und so sagt er einmal, bevor er nach Hause geht: „Du sollst zur Großmutter kommen.“
Am nächsten Morgen sagt Heidi: „Großvater, ich muss jetzt zur Großmutter, sie wartet.“
„Es liegt zu viel Schnee“, sagt Alp-Öhi.
Am vierten Tag sagt der Großvater endlich: „So komm!“
Er wickelt Heidi warm ein, und sie fahren zusammen mit dem Schlitten zur Hütte von Geißenpeter.
"So, jetzt geh hinein, und wenn es dunkel wird, komm wieder heraus", sagt der Großvater und kehrt nach Hause zurück. Heidi geht in die Hütte und sieht die Großmutter. Peter ist in der Schule. Heidi sagt: "Guten Tag, Großmutter, jetzt bin ich da." "Bist du Heidi? Ich kann dich nicht sehen, aber ich höre dich." "Warum kannst du mich nicht sehen?" "Das Licht kommt nicht mehr zu meinen Augen. Aber ich mag es, wenn man mir etwas erzählt. Was machst du auf der Alp und was macht der Großvater?" Heidi erzählt von seinem Leben auf der Alp. Der Nachmittag vergeht schnell. Peter kommt nach Hause. Es wird schon dunkel, und Heidi muss gehen.
Jetzt besucht Heidi die Großmutter fast jeden Tag. Der Winter ist schnell vorbei und noch schneller der Sommer und fast schon wieder der Winter. Heidi ist jetzt sieben Jahre alt. Es ist glücklich beim Großvater und den Ziegen.
An einem sonnigen Morgen im März kommt der Pfarrer zu Alp-Öhi. Er sagt: "Warum ist das Kind diesen Winter nicht zur Schule gekommen? Nächsten Winter muss es kommen."
"Nein, das ist zu weit", sagt Alp-Öhi.
"Kommen Sie doch im Winter ins Dorf, zu den anderen Menschen", sagt der Pfarrer.
"Das ist nichts für mich. Die Menschen mögen mich nicht, und ich mag sie nicht."
Am nächsten Tag kommt schon wieder Besuch: Es ist Dete mit einem schönen Hut auf dem Kopf. Sie sagt: "Heidi sieht sehr gesund aus, man sieht, dass es ihm beim Großvater gut geht. Aber jetzt will ich auch wieder etwas für das Kleine machen. Heidi hat großes Glück! Eine reiche Familie in Frankfurt will es zu sich nehmen. Die Tochter ist im Rollstuhl und langweilt sich sehr und ..."
"Bist du bald fertig? ", fragt Alp-Öhi.
Dete wird wütend. "Das Kind ist jetzt fast acht Jahre alt, es kann nichts und weiß nichts und darf nicht zur Schule gehen. Und es ist doch das Kind meiner Schwester!"
"Schweig! ", ruft der Großvater. "Dann nimm es mit und komm mir nie mehr vor die Augen mit deinem Hut!"
"Du hast den Großvater böse gemacht", sagt Heidi zu Dete.
"Das macht nichts", antwortet Dete. "Komm jetzt, wo sind deine Kleider?"
"Ich komme nicht."
"Wie? Du wirst es gut haben. In Frankfurt ist es schön, und wenn es dir nicht gefällt, kannst du wieder nach Hause."
Dete nimmt Heidis Kleider und zieht Heidi mit sich den Berg hinunter.
Vor Geißenpeters Hütte sagt Heidi: "Ich will noch zur Großmutter, sie wartet doch auf mich."
"Nein, nein, es ist schon viel zu spät. Du kannst ihr dann schöne weiße Brötchen bringen, wenn du wieder aus Frankfurt zurückkommst."
Sie fahren mit dem Zug von Maienfeld bis nach Frankfurt. Im Haus der Familie Sesemann erwartet sie Fräulein Rottenmeier.
"Wie heißt du? ", fragt sie das Mädchen.
"Heidi." "Das ist doch kein richtiger Name!" "Sie heißt Adelheid", sagt Dete. "Nun, das kann man besser aussprechen. Was hast du in der Schule gelernt? Welche Bücher kennst du?" "Keine", sagt Heidi. "Wie? Hast du denn lesen gelernt?" "Nein." "Du kannst nicht lesen? ", ruft Fräulein Rottenmeier entsetzt. Dete sagt eilig: "Ich muss jetzt gehen." Sie geht zur Tür hinaus. Fräulein Rottenmeier läuft ihr nach. Bis jetzt hat Klara Sesemann nichts gesagt. Sie sitzt im Rollstuhl. Jetzt winkt sie Heidi zu sich und fragt: "Willst du lieber Heidi heißen oder Adelheid?" "Ich heiße nur Heidi." "Dann will ich dich immer so nennen. Bist du gern nach Frankfurt gekommen?" "Nein, aber morgen gehe ich wieder nach Hause und bringe der Großmutter weiße Brötchen." "Aber du bist doch gekommen, um bei mir zu wohnen! Jeden Morgen soll uns der Lehrer Unterricht geben. Wir werden es lustig haben!" Beim Abendessen zeigt Fräulein Rottenmeier Heidi, wie man schön isst. Dann erklärt sie alle Regeln des Hauses, wie man aufsteht und wie man zu Bett geht, wie man Ordnung hält und die Türen richtig schließt. "Hast du alles verstanden, Adelheid? ", fragt sie am Schluss. Aber Heidi schläft schon lange!