Kapitel 1. Ankunft in Bayern
„Wann sind wir denn endlich da?”, fragt Leon. Sein Bruder hört ihn nicht, da er Kopfhörer in den Ohren hat und laut Musik hört. Auch seine Schwester Klara reagiert nicht. Sie schreibt gerade Nachrichten auf ihrem Smartphone.
Schließlich nimmt Ben die Kopfhörer ab und fragt: „Was?”
„Ich will wissen, wann wir da sind. Wir sitzen schon so lange im Zug. Wir müssen doch bald ankommen.”
Klara schaut auf und meint: „Das ist ein Regionalzug, Leon. Der fährt langsam. Oma und Opa wohnen doch auf dem Land, da gibt es keine Schnellzüge. Wir kommen ungefähr in einer Stunde am Bahnhof an.” Dann sieht sie wieder auf ihr Handy und schreibt weiter.
Leon schaut aus dem Fenster. Er sieht Pflanzen, die an langen Stangen in die Höhe wachsen. „Guckt mal! Sie sehen aus wie Girlanden. Was ist das?“, fragt er und zeigt mit dem Finger auf das Fenster, aber Klara und Ben sind schon wieder mit ihren Handys beschäftigt.
„Na, dann frage ich eben Oma und Opa ...“, denkt Leon. Er ist wütend auf seine Geschwister, weil sie ihm nie zuhören. Hoffentlich ist das bei seinen Großeltern anders. An seinen Großvater kann er sich gar nicht mehr erinnern. Er hat ihn das letzte Mal vor vielen Jahren gesehen, als er noch sehr klein war. Seine Großmutter kennt er gut, weil sie oft nach Berlin zu Besuch kommt. Er mag sie sehr.
Leon nimmt sein Micky Maus-Heft aus dem Rucksack und fängt an zu lesen. Die Zeit vergeht nun sehr schnell. Dann hört er eine Stimme aus dem Lautsprecher: „ Endstation! Bitte alle aussteigen.“
Leon ruft aufgeregt und glücklich: „Wir sind da! Wir sind bei Oma und Opa!“
Ben nimmt langsam seine Kopf hörer ab und steckt sein Handy in die Tasche: „Ist ja gut, wir haben verstanden.“ Auch Klara packt ihre Sachen zusammen. Die drei Geschwister nehmen ihre Koffer und Taschen und steigen aus dem Zug.
Als die drei mit ihrem Gepäck auf den Gleisen stehen, kommt ihnen eine ältere Frau entgegen. „Oma!“, schreit Leon und läuft ihr in die Arme. „Wie schön, euch zu sehen!“, ruft die Großmutter und umarmt zuerst Leon, dann Klara und Ben.
„Wo ist denn Opa?“, fragt Leon etwas enttäuscht. „Der hat im Moment sehr viel mit der Ernte zu tun. In diesem Jahr ernten wir den Hopfen früher als sonst.“ „Was ist Hopfen?“, will Leon wissen. „Damit macht man Bier. Wir haben große Hopfenfelder. Morgen zeigen wir euch alles, aber jetzt fahren wir erst einmal zu uns nach Hause. Könnt ihr euch noch an unser Haus erinnern?“ Sie schaut ihre Enkel fragend an.
Klara und Ben nicken, Leon sagt; „Es ist ein sehr großes Haus, stimmt,s? Und es gibt einen riesigen Garten mit Apfelbäumen.“
„Ja, das stimmt, Leon. Du erinnerst dich? Toll! Du warst noch sehr klein, als ihr uns das letzte Mal besucht habt.“
Die Großmutter und die drei Enkel gehen zum Parkplatz, wo das Auto der Großeltern steht. Sie stellen ihre Koffer und Taschen in den Kofferraum, steigen ein und die Großmutter fährt los.
Jetzt schauen sich auch Klara und Ben die Landschaft an. Leon meint überrascht: „Hier ist ja alles ganz flach. Ich dachte immer, in Bayern gibt es hohe Berge.“
Die Großmutter lacht: „Ja, die gibt es auch. Die Bayrischen Alpen liegen aber im Süden. Unsere Region heißt die Hallertau. Sie ist bekannt, weil sie das größte Hopfenanbaugebiet der Welt ist.“
„Wirklich?“, fragt Ben erstaunt. „Ja, wirklich. Hier, schaut!“, antwortet die Großmutter und zeigt auf die Felder. „Das sind Hopfenpflanzen? Sie sehen ja aus wie Girlanden“, meint Klara. „Das habe ich doch gesagt!“, ruft Leon und denkt: ,Aber ihr hört ja nie zu...!‘
Nach einer halben Stunde kommen sie an einem Bauernhof an. Die Großmutter steigt aus und sofort kommt ihnen ein großer weißer Hund entgegen. Er wedelt freudig mit dem Schwanz, als er Leon, Ben und Klara sieht.
„Bello, komm zu mir. Lass unsere Gäste doch erst einmal aussteigen“, lacht die Großmutter.
„Du heißt also Bello“, Leon streichelt den Hund. „Ich wollte schon immer gerne einen Hund haben, aber Mama und Papa sagen, dass wir in unserer Wohnung nicht genug Platz haben. Außerdem macht ein Hund viel Arbeit und man muss oft mit ihm spazieren gehen.“
„Bello hat hier viel Platz. Arbeit macht er uns kaum und er läuft den ganzen Tag frei auf dem Hof herum. Ihr könnt gerne mit ihm spazieren gehen, wenn ihr Lust habt“, schlägt die Großmutter vor.
„ Au ja! Ich mache jeden Tag einen Spaziergang mit ihm!“, freut sich Leon und schaut seine Geschwister fragend an. Klara brummt: „Mal sehen ...“ . Ben meint: „Ich weiß noch nicht ...“ und holt die Koffer aus dem Auto.
Die Großmutter zeigt ihren Enkelkindern das Haus. Es ist groß und alt und es gibt viele Holzmöbel. „Hier ist es ja fast wie im Museum“, meint Klara. Die Großmutter steigt eine Treppe hoch und sagt: „Kommt mit, das Gästezimmer ist in der Mansarde“.
„Das ist euer Zimmer“, sagt die Großmutter und geht in einen großen Raum mit drei Betten.
„Wir sollen alle in einem Zimmer schlafen?“ Ben ist entsetzt. „Ja! Früher war es das Zimmer von eurer Mutter und ihrer Schwester, Tante Steffi. Ich glaube, ihr drei könnt das Zimmer für einen Monat teilen. Ihr habt sogar ein eigenes Bad“, antwortet die Großmutter streng.
„Ich weiß nicht ... vier Wochen in einem Zimmer mit meinen Brüdern ...“, murmelt Klara.
Leon findet das Zimmer einfach toll und schaut sich neugierig alles an. In einem Regal stehen viele Bücher. „Wem gehören diese vielen Bücher?“, fragt Leon. „Das sind Bücher, die eure Mutter und eure Tante in ihrer Kindheit und Jugend gelesen haben. Sie waren beide richtige Bücherwürmer“, erklärt die Großmutter.
Leon kann nicht glauben, dass seine Mutter früher so viel gelesen hat. Jetzt arbeitet sie immer und hat nie Zeit zum Lesen.