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H. P. Lovecraft - Der Ruf des Cthulhu, III. Der Schrecken aus dem Meer - 02

III. Der Schrecken aus dem Meer - 02

Am 1. März – oder dem 28. Februar, je nach der Internationalen Datumslinie – hatten das Erdbeben und der Sturm stattgefunden. Aus Dunedin war die Alert mit ihrer widerlichen Besatzung eifrig losgesegelt, als habe ein gebieterischer Ruf es ihr befohlen, und auf der anderen Seite der Erdkugel träumten Dichter und Künstler von einer merkwürdigen feuchten, zyklopischen Stadt, und ein junger Bildhauer hatte im Schlaf die Gestalt des gefürchteten Cthulhu geformt. Am 23. März war die Mannschaft der Emma auf einer unbekannten Insel gelandet, auf der sechs Mann umkamen; genau zu diesem Zeitpunkt nahmen die Träume empfindlicher Menschen eine erhöhte Lebhaftigkeit an und wurden finster unter der Furcht vor einem gewaltigen Ungeheuer, während ein Architekt dem Wahnsinn anheim fiel und ein Bildhauer plötzlich im Delirium versank! Und was war mit jenem Sturm am 2. April – dem Tag, da alle Träume von der feuchten Stadt abbrachen und Wilcox unbeschadet aus den Fängen eines fremdartigen Fiebers hervorging? Was war mit all dem – und mit den Andeutungen des alten Castro über die versunkenen, von den Sternen gekommenen Alten und ihre künftige Herrschaft, ihre treuen Anbeter und ihre Gewalt über die Träume? Wankte ich am Abgrund kosmischer Schrecken, die der Mensch nicht zu ertragen vermag? Falls ja, dann mussten es allein Schrecken des Bewusstseins sein, denn auf irgendeine Weise war am 2. April jedwede monströse Bedrohung zum Erliegen gekommen, die begonnen hatte, die Seelen der Menschen zu zermürben.

An jenem Abend verabschiedete ich mich nach einem Tag voller Telegramme und hastiger Vorkehrungen von meinem Gastgeber und nahm einen Zug nach San Francisco. In weniger als einem Monat war ich in Dunedin, wo ich jedoch herausfand, dass man wenig über die sonderbaren Kultanhänger wusste, die in den alten Hafenkaschemmen herumgelungert hatten – menschlicher Abschaum ist in Küstennähe ein viel zu häufiges Phänomen, als dass er besonderer Erwähnung bedarf. Es gab dennoch vages Gerede über einen Ausflug dieser Mischlinge ins Binnenland, während dessen man schwaches Getrommel und rote Flammen auf den fernen Hügeln bemerkt habe.

In Auckland erfuhr ich, dass Johansen mit vormals blondem und nun weißem Haar nach einer ergebnislosen Befragung nach Sydney zurückgekehrt sei, dort sein Häuschen in der West Street verkauft habe, um anschließend mit seiner Frau in seine alte Heimat nach Oslo zu segeln. Von seinem aufwühlenden Erlebnis erzählte er auch seinen Freunden nicht mehr als den Beamten der Admiralität, und diese Herren konnten für mich nicht mehr tun, als mir seine Osloer Anschrift zu geben.

Danach reiste ich nach Sydney und unterhielt mich, ohne brauchbare Informationen zu erhalten, mit Seemännern und Mitgliedern des Vizeadmiralsgerichtes. Ich besichtigte die Alert, die mittlerweile verkauft worden war und nun dem Seehandel diente, im Circular Quay in Sydney Cove, brachte aber nichts in Erfahrung. Das hockende Götzenbild mit seinem Tintenfischhaupt, seinem Drachenleib, Schuppenschwingen und hieroglyphenbedeckten Sockel befand sich im Museum im Hyde Park, und ich betrachtete es lange und genau, dieses Stück unheilvoller, doch vorzüglicher Handarbeit, das ebenso rätselhaft und unergründlich alt war und aus dem gleichen unirdisch fremden Material wie das kleinere Exemplar von Legrasse. Den Geologen, so erzählte der Museumsleiter mir, habe dies ein gewaltiges Rätsel aufgegeben, denn sie beteuerten, es gebe auf der ganzen Welt kein derartiges Gestein. Ich dachte mit Schaudern daran, was der alte Castro Legrasse über die Alten erzählt hatte: »Sie kamen von den Sternen, und Sie brachten Ihre Abbilder mit sich.«

Von einer nie zuvor gekannten geistigen Erschütterung er fasst, traf ich den Entschluss, den Maat Johansen in Oslo aufzusuchen. Ich segelte nach London und schiffte mich dort sogleich wieder nach der Hauptstadt Norwegens ein, und eines Tages im Herbst betrat ich einen hübschen Kai im Schatten des Egebergs.

Johansens Unterkunft befand sich, wie ich entdeckte, in der Altstadt von König Harald Schönhaar, die den Namen Oslo während all der Jahrhunderte beibehalten hatte, in denen die größere Stadt sich als ›Christiania‹ ausgegeben hatte. Ich legte die kurze Strecke in einer Droschke zurück und klopfte mit pochendem Herzen an die Tür eines schönen und alten Gebäudes mit Stuckfront.

Eine schwarz gekleidete Frau mit traurigem Gesicht öffnete mir, und ich wurde von der Enttäuschung fast zerrissen, als sie mir in stockendem Englisch mitteilte, dass Gustaf Johansen nicht mehr unter den Lebenden weile. Er hatte seine Heimkehr nicht lange überlebt, berichtete seine Frau, denn die Geschehnisse auf See im Jahre 1925 hätten ihn gebrochen. Er habe auch ihr nicht mehr als der Öffentlichkeit berichtet, doch habe er ein langes Manuskript hinterlassen – über »technische Angelegenheiten«, wie er sich ausdrückte –, auf Englisch geschrieben, allem Anschein nach, um sie, die diese Sprache kaum verstand, vor der Gefahr eines zufälligen Lesens zu bewahren.

Während eines Spazierganges durch eine schmale Gasse nahe dem Göteborg-Hafenbecken habe ihn ein aus einem Dachfenster fallender Ballen Papier zu Boden gerissen. Zwei Laskarmatrosen hatten ihm sofort aufgeholfen, doch noch ehe der Notarzt ihn erreichte, war er tot. Die Ärzte fanden keinen triftigen Grund für sein Ende und erklärten es mit einem Herzfehler und geschwächter Konstitution.

Ich fühlte nun an meinen Lebenskräften jenes dunkle Entsetzen saugen, das mich nicht mehr verlassen wird, bis auch ich ruhe – sei es durch ›Zufall‹ oder eine andere Ursache.

Ich überzeugte die Witwe davon, dass meine Beziehung zu den »technischen Angelegenheiten« ihres toten Gatten mich zum Besitz seines Manuskriptes berechtigte, nahm das Dokument mit mir und las es auf dem Schiff nach London. Es waren einfache, geschwätzige Worte – das Bemühen eines naiven Matrosen, ein nachträgliches Tagebuch zu führen –, die jeden einzelnen Tag jener schrecklichen letzten Seefahrt zu beschreiben versuchten. Ich kann es aufgrund seiner Undeutlichkeit und Langatmigkeit nicht wortwörtlich wiedergeben, doch ich werde das Wesentliche daraus berichten, um zu erklären, warum das klatschende Geräusch des Wassers gegen die Seiten des Schiffes mir so unerträglich wurde, dass ich mir Watte in die Ohren stecken musste.

Johansen wusste Gott sei Dank nicht alles, wenngleich er die Stadt und das Ding gesehen hatte, doch ich werde nie wieder ruhig schlafen beim Gedanken an das Grauen, das unablässig jenseits des Lebens in Zeit und Raum lauert an jene unheilige Blasphemie von den uralten Gestirnen, die unter dem Meer träumt, angebetet und verehrt von einem albtraumhaften Kult, der jederzeit bereit ist, sie wieder auf die Welt loszulassen, sobald ein neuerliches Erdbeben ihre ungeheuerliche steinerne Stadt abermals zu Luft und Licht emporhebt.


III. Der Schrecken aus dem Meer - 02

Am 1. März – oder dem 28. Februar, je nach der Internationalen Datumslinie – hatten das Erdbeben und der Sturm stattgefunden. Aus Dunedin war die __Alert__ mit ihrer widerlichen Besatzung eifrig losgesegelt, als habe ein gebieterischer Ruf es ihr befohlen, und auf der anderen Seite der Erdkugel träumten Dichter und Künstler von einer merkwürdigen feuchten, zyklopischen Stadt, und ein junger Bildhauer hatte im Schlaf die Gestalt des gefürchteten Cthulhu geformt. Am 23. März war die Mannschaft der __Emma__ auf einer unbekannten Insel gelandet, auf der sechs Mann umkamen; genau zu diesem Zeitpunkt nahmen die Träume empfindlicher Menschen eine erhöhte Lebhaftigkeit an und wurden finster unter der Furcht vor einem gewaltigen Ungeheuer, während ein Architekt dem Wahnsinn anheim fiel und ein Bildhauer plötzlich im Delirium versank! Und was war mit jenem Sturm am 2. April – dem Tag, da alle Träume von der feuchten Stadt abbrachen und Wilcox unbeschadet aus den Fängen eines fremdartigen Fiebers hervorging? Was war mit all dem – und mit den Andeutungen des alten Castro über die versunkenen, von den Sternen gekommenen Alten und ihre künftige Herrschaft, ihre treuen Anbeter und __ihre Gewalt über die Träume__? Wankte ich am Abgrund kosmischer Schrecken, die der Mensch nicht zu ertragen vermag? Falls ja, dann mussten es allein Schrecken des Bewusstseins sein, denn auf irgendeine Weise war am 2. April jedwede monströse Bedrohung zum Erliegen gekommen, die begonnen hatte, die Seelen der Menschen zu zermürben.

An jenem Abend verabschiedete ich mich nach einem Tag voller Telegramme und hastiger Vorkehrungen von meinem Gastgeber und nahm einen Zug nach San Francisco. In weniger als einem Monat war ich in Dunedin, wo ich jedoch herausfand, dass man wenig über die sonderbaren Kultanhänger wusste, die in den alten Hafenkaschemmen herumgelungert hatten – menschlicher Abschaum ist in Küstennähe ein viel zu häufiges Phänomen, als dass er besonderer Erwähnung bedarf. En menos de un mes estaba en Dunedin, donde descubrí, sin embargo, que se sabía muy poco sobre los extraños cultistas que acechaban en las antiguas tabernas del puerto: la escoria humana es demasiado común cerca de la costa para merecer una mención especial. Es gab dennoch vages Gerede über einen Ausflug dieser Mischlinge ins Binnenland, während dessen man schwaches Getrommel und rote Flammen auf den fernen Hügeln bemerkt habe.

In Auckland erfuhr ich, dass Johansen __mit vormals blondem und nun weißem__ Haar nach einer ergebnislosen Befragung nach Sydney zurückgekehrt sei, dort sein Häuschen in der West Street verkauft habe, um anschließend mit seiner Frau in seine alte Heimat nach Oslo zu segeln. Von seinem aufwühlenden Erlebnis erzählte er auch seinen Freunden nicht mehr als den Beamten der Admiralität, und diese Herren konnten für mich nicht mehr tun, als mir seine Osloer Anschrift zu geben.

Danach reiste ich nach Sydney und unterhielt mich, ohne brauchbare Informationen zu erhalten, mit Seemännern und Mitgliedern des Vizeadmiralsgerichtes. Ich besichtigte die __Alert__, die mittlerweile verkauft worden war und nun dem Seehandel diente, im Circular Quay in Sydney Cove, brachte aber nichts in Erfahrung. Das hockende Götzenbild mit seinem Tintenfischhaupt, seinem Drachenleib, Schuppenschwingen und hieroglyphenbedeckten Sockel befand sich im Museum im Hyde Park, und ich betrachtete es lange und genau, dieses Stück unheilvoller, doch vorzüglicher Handarbeit, das ebenso rätselhaft und unergründlich alt war und aus dem gleichen unirdisch fremden Material wie das kleinere Exemplar von Legrasse. Den Geologen, so erzählte der Museumsleiter mir, habe dies ein gewaltiges Rätsel aufgegeben, denn sie beteuerten, es gebe auf der ganzen Welt kein derartiges Gestein. Ich dachte mit Schaudern daran, was der alte Castro Legrasse über die Alten erzählt hatte: »Sie kamen von den Sternen, und Sie brachten Ihre Abbilder mit sich.«

Von einer nie zuvor gekannten geistigen Erschütterung er fasst, traf ich den Entschluss, den Maat Johansen in Oslo aufzusuchen. Ich segelte nach London und schiffte mich dort sogleich wieder nach der Hauptstadt Norwegens ein, und eines Tages im Herbst betrat ich einen hübschen Kai im Schatten des Egebergs.

Johansens Unterkunft befand sich, wie ich entdeckte, in der Altstadt von König Harald Schönhaar, die den Namen Oslo während all der Jahrhunderte beibehalten hatte, in denen die größere Stadt sich als ›Christiania‹ ausgegeben hatte. Ich legte die kurze Strecke in einer Droschke zurück und klopfte mit pochendem Herzen an die Tür eines schönen und alten Gebäudes mit Stuckfront.

Eine schwarz gekleidete Frau mit traurigem Gesicht öffnete mir, und ich wurde von der Enttäuschung fast zerrissen, als sie mir in stockendem Englisch mitteilte, dass Gustaf Johansen nicht mehr unter den Lebenden weile. Er hatte seine Heimkehr nicht lange überlebt, berichtete seine Frau, denn die Geschehnisse auf See im Jahre 1925 hätten ihn gebrochen. Er habe auch ihr nicht mehr als der Öffentlichkeit berichtet, doch habe er ein langes Manuskript hinterlassen – über »technische Angelegenheiten«, wie er sich ausdrückte –, auf Englisch geschrieben, allem Anschein nach, um sie, die diese Sprache kaum verstand, vor der Gefahr eines zufälligen Lesens zu bewahren.

Während eines Spazierganges durch eine schmale Gasse nahe dem Göteborg-Hafenbecken habe ihn ein aus einem Dachfenster fallender Ballen Papier zu Boden gerissen. Zwei Laskarmatrosen hatten ihm sofort aufgeholfen, doch noch ehe der Notarzt ihn erreichte, war er tot. Die Ärzte fanden keinen triftigen Grund für sein Ende und erklärten es mit einem Herzfehler und geschwächter Konstitution.

Ich fühlte nun an meinen Lebenskräften jenes dunkle Entsetzen saugen, das mich nicht mehr verlassen wird, bis auch ich ruhe – sei es durch ›Zufall‹ oder eine andere Ursache. Ahora sentí que el terror oscuro se apoderaba de mis fuerzas vitales, que no me abandonarán hasta que yo también descanse, ya sea por 'accidente' o por alguna otra causa.

Ich überzeugte die Witwe davon, dass meine Beziehung zu den »technischen Angelegenheiten« ihres toten Gatten mich zum Besitz seines Manuskriptes berechtigte, nahm das Dokument mit mir und las es auf dem Schiff nach London. Es waren einfache, geschwätzige Worte – das Bemühen eines naiven Matrosen, ein nachträgliches Tagebuch zu führen –, die jeden einzelnen Tag jener schrecklichen letzten Seefahrt zu beschreiben versuchten. Eran palabras simples y locuaces, el esfuerzo de un marinero ingenuo por mantener una idea de último momento, que intentaban describir cada día de ese terrible último viaje por mar. Ich kann es aufgrund seiner Undeutlichkeit und Langatmigkeit nicht wortwörtlich wiedergeben, doch ich werde das Wesentliche daraus berichten, um zu erklären, warum das klatschende Geräusch des Wassers gegen die Seiten des Schiffes mir so unerträglich wurde, dass ich mir Watte in die Ohren stecken musste.

Johansen wusste Gott sei Dank nicht alles, wenngleich er die Stadt und das Ding gesehen hatte, doch ich werde nie wieder ruhig schlafen beim Gedanken an das Grauen, das unablässig jenseits des Lebens in Zeit und Raum lauert __…__ an jene unheilige Blasphemie von den uralten Gestirnen, die unter dem Meer träumt, angebetet und verehrt von einem albtraumhaften Kult, der jederzeit bereit ist, sie wieder auf die Welt loszulassen, sobald ein neuerliches Erdbeben ihre ungeheuerliche steinerne Stadt abermals zu Luft und Licht emporhebt.