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H. P. Lovecraft - Der Ruf des Cthulhu, III. Der Schrecken aus dem Meer - 01

III. Der Schrecken aus dem Meer - 01

Sollte der Himmel mir je eine Gunst erweisen, so soll es das völlige Vergessen jener losen Zeitungsseite sein, auf die mein zufälliger Blick fiel. Sie schien nicht von Bedeutung für meine täglichen Nachforschungen, denn sie stammte nur aus einer alten Ausgabe einer australischen Zeitschrift, des Sydney Bulletin vom 18. April 1925. Sie war sogar dem Pressebüro entgangen, das während des Zeitpunkts ihres Erscheinens eifrig Material für die Nachforschungen meines Onkels sammelte.

Ich hatte meine Untersuchungen über das, was Professor Angell den ›Cthulhu-Kult‹ nannte, schon so gut wie aufgegeben und besuchte einen gelehrten Freund in Paterson, New Jersey, Kurator eines örtlichen Museums und Mineraloge von Rang. Als ich eines Tages die nicht ausgestellten Stücke ansah, die in einem Hinterzimmer des Museums auf einem Depotregal lagen, fiel mein Blick auf ein sonderbares Bild auf einem der alten Zeitungsblätter, die unter den Steinen ausgelegt waren. Es handelte sich um das bereits erwähnte Sydney Bulletin, denn mein Freund hatte weitreichende Verbindungen in allen erdenklichen Teilen der Welt. Auf dem Bild sah man ein scheußliches Steinbildnis, das mit dem von Legrasse im Sumpf gefundenen fast identisch war.

Rasch befreite ich die Seite von ihrer kostbaren Last und überflog den Artikel, war dann aber enttäuscht zu entdecken, dass er nur wenig Informationen lieferte. Was er jedoch andeutete, war von verhängnisvoller Bedeutung für meine erlahmende Suche, und ich riss ihn vorsichtig heraus. Der Inhalt lautete wie folgt:

MYSTERIÖSES WRACK AUF SEE GEFUNDEN

Die Vigilant läuft mit seeuntüchtiger Yacht aus Neuseeland im Schlepptau ein. An Bord fand man einen Überlebenden und einen Toten. Bericht über einen verzweifelten Kampf und Tod auf See.

Geretteter Seemann weigert sich, Einzelheiten über sonderbare Geschehnisse mitzuteilen. Eigenartiges Götzenbild in seinem Besitz. Untersuchungen folgen.

Die Vigilant, ein Frachter der Morrison Co., lief heute Morgen auf dem Rückweg von Valparaiso im Hafen von Darling ein, im Schlepptau die seeuntüchtig gewordene, aber schwer bewaffnete Dampfyacht Alert aus Dunedin, Neuseeland, die am 12. April 34° 21' südlicher Breite und 152° 17' westlicher Länge gesichtet wurde, mit einem Lebenden und einem Toten an Bord.

Die Vigilant hatte Valparaiso am 25. März verlassen und war am 2. April von außergewöhnlich heftigen Stürmen und gigantischen Brechern beträchtlich von ihrem Kurs in südliche Richtung abgetrieben worden. Am 12. April sichtete man das Wrack, das erst verlassen aussah, wie man jedoch bald feststellte, aber einen Überlebenden in halb wahnsinnigem Zustand beherbergte. Zudem fand man eine männliche Leiche, offenbar schon seit mehr als einer Woche tot. Der Überlebende hielt ein schreckliches Götzenbild aus Stein umklammert, dessen Ursprung unbekannt ist und das ungefähr dreißig Zentimeter misst und über dessen Zweck Experten der Universität von Sydney, der Royal Society und des Museums in der College Street sich völlig im Unklaren sind. Der Überlebende sagte, er habe es in einer Kabine der Yacht gefunden, in einem kleinen geschnitzten Kästchen.

Dieser Mann erzählte, nachdem er wieder zur Vernunft gekommen war, eine äußerst sonderbare Geschichte von Seeräuberei und Totschlag. Es handelt sich bei dem Mann um Gustaf Johansen, einen Norweger von einiger Intelligenz, zweiter Maat des Zweimastschoners Emma aus Auckland, der am 20. Februar mit einer Besatzung von elf Mann nach Callao gesegelt war.

Die Emma, sagte er, sei am 1. März vom großen Sturm aufgehalten und beträchtlich nach Süden abgetrieben worden. Am 22. März stieß sie bei 49° 51' südlicher Breite und 128° 34' westlicher Länge auf die Alert, die von einer merkwürdigen und boshaft aussehenden Besatzung von Kanaken und Mischlingen bemannt war. Deren entschiedene Aufforderung zur Umkehr lehnte Kapitän Collins ab, woraufhin die sonderbare Besatzung ohne Warnung sofort mit einem merkwürdig schweren Geschütz zu schießen begann. Die Männer der Emma wehrten sich, und obwohl der Schoner durch Treffer unterhalb der Wasserlinie zu sinken begann, gelang es ihnen, das feindliche Schiff zu entern. Auf Deck der Yacht kämpften sie gegen die tierische Mannschaft und waren dazu gezwungen, alle zu töten – diese waren zwar in der Überzahl, kämpften aber auf abstoßende und ziemlich unbeholfene Weise.

Drei Mann von der Emma, einschließlich Kapitän Collins und dem 1. Maat Green, wurden getötet, und die überlebenden acht unter Befehl des 2. Maats Johansen segelten mit der geenterten Yacht weiter auf dem ursprünglichen Kurs, um herauszufinden, welchen Grund es gab, dass man sie an der Weiterfahrt hatte hindern wollen.

Am nächsten Tag landeten sie allem Anschein nach auf einer kleinen Insel, obwohl in diesem Teil des Meeres keine solche bekannt ist, und sechs Mann starben dort. Johansen ist merkwürdig zurückhaltend mit diesem Teil der Geschichte und sagt, sie seien in eine Felsspalte gestürzt. Später, so scheint es, kehrten er und ein Gefährte zur Yacht zurück und versuchten, sie zu steuern, wobei sie jedoch von dem Sturm am 2. April abgeschlagen wurden.

Von diesem Zeitpunkt an bis zu seiner Rettung am 12. erinnert sich der Mann nur an wenig; er weiß nicht einmal mehr, wann sein Gefährte William Briden starb. Bridens Todesursache war nicht festzustellen und ist vermutlich auf Erregung oder Entkräftung zurückzuführen.

Telegrafische Meldungen aus Dunedin berichten, dass die Alert dort als Inselfrachter wohlbekannt ist und einen üblen Ruf hat. Sie gehörte einer sonderbaren Gruppe von Mischlingen, deren regelmäßige Treffen und nächtliche Ausflüge in die Wälder nicht wenig Aufmerksamkeit erregten. Das Schiff war nach dem Sturm und Erdbeben vom 1. März in großer Eile in See gestochen.

Unser Korrespondent in Auckland bestätigt der Emma und ihrer Besatzung einen ausgezeichneten Ruf, und Johansen wird als besonnener und achtbarer Mann beschrieben. Die Admiralität wird morgen mit einer Untersuchung der ganzen Angelegenheit beginnen, wobei man jeden Versuch unternehmen wird, Johansen zu einer ausführlicheren Aussage als bislang zu bewegen.

Dies war, abgesehen von der Abbildung des höllischen Götzenbildes, alles, doch welche Gedankengänge löste es in meinem Verstand aus! Hier waren neue Informationen über den Cthulhu-Kult, mitsamt dem Beweis, dass es sowohl auf See als auch auf dem Festland sonderbare Interessierte gab. Welches Motiv hatte die Hybridenbesatzung, während sie mit ihrem scheußlichen Götzenbild umhersegelte, dazu bewogen, die Emma zurückzuhalten? Was war das für eine unbekannte Insel, auf der sechs Mann von der Emma gestorben waren und über die der Maat Johansen sich in Schweigen hüllte? Was hatte die Untersuchung der Vizeadmiralität ans Licht gebracht und was war in Dunedin über den widerlichen Kult bekannt? Und, am verwunderlichsten: Was war dies für eine tiefsinnige und mehr als natürliche Verkettung von Daten, die den verschiedenen, von meinem Onkel so sorgfältig aufgezeichneten Begebenheiten eine so unheilvolle und mittlerweile unbestreitbare Bedeutsamkeit verlieh?


III. Der Schrecken aus dem Meer - 01

Sollte der Himmel mir je eine Gunst erweisen, so soll es das völlige Vergessen jener losen Zeitungsseite sein, auf die mein zufälliger Blick fiel. Should heaven ever show any favor to me, it shall be the utter oblivion of that loose newspaper page which happened to catch my eye. Si el cielo alguna vez me muestra algún favor, será el olvido total de esa página de periódico suelta que me llamó la atención. Sie schien nicht von Bedeutung für meine täglichen Nachforschungen, denn sie stammte nur aus einer alten Ausgabe einer australischen Zeitschrift, des __Sydney Bulletin__ vom 18. April 1925. Sie war sogar dem Pressebüro entgangen, das während des Zeitpunkts ihres Erscheinens eifrig Material für die Nachforschungen meines Onkels sammelte.

Ich hatte meine Untersuchungen über das, was Professor Angell den ›Cthulhu-Kult‹ nannte, schon so gut wie aufgegeben und besuchte einen gelehrten Freund in Paterson, New Jersey, Kurator eines örtlichen Museums und Mineraloge von Rang. Als ich eines Tages die nicht ausgestellten Stücke ansah, die in einem Hinterzimmer des Museums auf einem Depotregal lagen, fiel mein Blick auf ein sonderbares Bild auf einem der alten Zeitungsblätter, die unter den Steinen ausgelegt waren. Es handelte sich um das bereits erwähnte __Sydney Bulletin__, denn mein Freund hatte weitreichende Verbindungen in allen erdenklichen Teilen der Welt. Auf dem Bild sah man ein scheußliches Steinbildnis, das mit dem von Legrasse im Sumpf gefundenen fast identisch war.

Rasch befreite ich die Seite von ihrer kostbaren Last und überflog den Artikel, war dann aber enttäuscht zu entdecken, dass er nur wenig Informationen lieferte. Was er jedoch andeutete, war von verhängnisvoller Bedeutung für meine erlahmende Suche, und ich riss ihn vorsichtig heraus. Sin embargo, lo que insinuaba era de fatal importancia para mi decaída búsqueda, y lo arranqué con cuidado. Der Inhalt lautete wie folgt:

**MYSTERIÖSES WRACK AUF SEE GEFUNDEN**

__Die__ Vigilant __läuft mit seeuntüchtiger Yacht aus Neuseeland im Schlepptau ein.__ __An Bord fand man einen Überlebenden und einen Toten.__ __Bericht über einen verzweifelten Kampf und Tod auf See.__

__Geretteter Seemann weigert sich, Einzelheiten über sonderbare Geschehnisse mitzuteilen.__ __Eigenartiges Götzenbild in seinem Besitz.__ __Untersuchungen folgen.__

Die __Vigilant__, ein Frachter der Morrison Co., lief heute Morgen auf dem Rückweg von Valparaiso im Hafen von Darling ein, im Schlepptau die seeuntüchtig gewordene, aber schwer bewaffnete Dampfyacht __Alert__ aus Dunedin, Neuseeland, die am 12. April 34° 21' südlicher Breite und 152° 17' westlicher Länge gesichtet wurde, mit einem Lebenden und einem Toten an Bord. El Vigilant, un carguero de Morrison Co., hizo escala en Darling Harbour esta mañana en su camino de regreso desde Valparaíso, remolcado por el yate de vapor Alert, no apto para navegar pero fuertemente armado, de Dunedin, Nueva Zelanda, navegando a 34° 21' S. el 12 de abril de latitud y longitud 152° 17' oeste con un vivo y un muerto a bordo.

Die __Vigilant__ hatte Valparaiso am 25. März verlassen und war am 2. April von außergewöhnlich heftigen Stürmen und gigantischen Brechern beträchtlich von ihrem Kurs in südliche Richtung abgetrieben worden. Am 12. April sichtete man das Wrack, das erst verlassen aussah, wie man jedoch bald feststellte, aber einen Überlebenden in halb wahnsinnigem Zustand beherbergte. Zudem fand man eine männliche Leiche, offenbar schon seit mehr als einer Woche tot. Der Überlebende hielt ein schreckliches Götzenbild aus Stein umklammert, dessen Ursprung unbekannt ist und das ungefähr dreißig Zentimeter misst und über dessen Zweck Experten der Universität von Sydney, der Royal Society und des Museums in der College Street sich völlig im Unklaren sind. Der Überlebende sagte, er habe es in einer Kabine der Yacht gefunden, in einem kleinen geschnitzten Kästchen.

Dieser Mann erzählte, nachdem er wieder zur Vernunft gekommen war, eine äußerst sonderbare Geschichte von Seeräuberei und Totschlag. Es handelt sich bei dem Mann um Gustaf Johansen, einen Norweger von einiger Intelligenz, zweiter Maat des Zweimastschoners __Emma__ aus Auckland, der am 20. Februar mit einer Besatzung von elf Mann nach Callao gesegelt war.

Die __Emma__, sagte er, sei am 1. März vom großen Sturm aufgehalten und beträchtlich nach Süden abgetrieben worden. Am 22. März stieß sie bei 49° 51' südlicher Breite und 128° 34' westlicher Länge auf die __Alert__, die von einer merkwürdigen und boshaft aussehenden Besatzung von Kanaken und Mischlingen bemannt war. On March 22, at 49° 51' south latitude and 128° 34' west longitude, she encountered the Alert, manned by a strange and mischievous-looking crew of Kanaks and half-breeds. Deren entschiedene Aufforderung zur Umkehr lehnte Kapitän Collins ab, woraufhin die sonderbare Besatzung ohne Warnung sofort mit einem merkwürdig schweren Geschütz zu schießen begann. El Capitán Collins rechazó su firme pedido de regresar, por lo que la extraña tripulación inmediatamente comenzó a disparar con un arma extrañamente pesada sin previo aviso. Die Männer der __Emma__ wehrten sich, und obwohl der Schoner durch Treffer unterhalb der Wasserlinie zu sinken begann, gelang es ihnen, das feindliche Schiff zu entern. Los hombres de Emma se defendieron y, aunque la goleta comenzó a hundirse debido a los impactos por debajo de la línea de flotación, lograron abordar el barco enemigo. Auf Deck der Yacht kämpften sie gegen die tierische Mannschaft und waren dazu gezwungen, alle zu töten – diese waren zwar in der Überzahl, kämpften aber auf abstoßende und ziemlich unbeholfene Weise.

Drei Mann von der __Emma__, einschließlich Kapitän Collins und dem 1. Maat Green, wurden getötet, und die überlebenden acht unter Befehl des 2. Maats Johansen segelten mit der geenterten Yacht weiter auf dem ursprünglichen Kurs, um herauszufinden, welchen Grund es gab, dass man sie an der Weiterfahrt hatte hindern wollen. Maats Johansen continuó navegando el yate abordado en el rumbo original para averiguar por qué se les había impedido continuar.

Am nächsten Tag landeten sie allem Anschein nach auf einer kleinen Insel, obwohl in diesem Teil des Meeres keine solche bekannt ist, und sechs Mann starben dort. Johansen ist merkwürdig zurückhaltend mit diesem Teil der Geschichte und sagt, sie seien in eine Felsspalte gestürzt. Später, so scheint es, kehrten er und ein Gefährte zur Yacht zurück und versuchten, sie zu steuern, wobei sie jedoch von dem Sturm am 2. April abgeschlagen wurden.

Von diesem Zeitpunkt an bis zu seiner Rettung am 12. erinnert sich der Mann nur an wenig; er weiß nicht einmal mehr, wann sein Gefährte William Briden starb. Bridens Todesursache war nicht festzustellen und ist vermutlich auf Erregung oder Entkräftung zurückzuführen.

Telegrafische Meldungen aus Dunedin berichten, dass die __Alert__ dort als Inselfrachter wohlbekannt ist und einen üblen Ruf hat. Sie gehörte einer sonderbaren Gruppe von Mischlingen, deren regelmäßige Treffen und nächtliche Ausflüge in die Wälder nicht wenig Aufmerksamkeit erregten. Das Schiff war nach dem Sturm und Erdbeben vom 1. März in großer Eile in See gestochen.

Unser Korrespondent in Auckland bestätigt der __Emma__ und ihrer Besatzung einen ausgezeichneten Ruf, und Johansen wird als besonnener und achtbarer Mann beschrieben. Die Admiralität wird morgen mit einer Untersuchung der ganzen Angelegenheit beginnen, wobei man jeden Versuch unternehmen wird, Johansen zu einer ausführlicheren Aussage als bislang zu bewegen. El Almirantazgo comenzará una investigación sobre todo el asunto mañana, haciendo todo lo posible para que Johansen proporcione pruebas más detalladas de las que ha dado hasta ahora.

Dies war, abgesehen von der Abbildung des höllischen Götzenbildes, alles, doch welche Gedankengänge löste es in meinem Verstand aus! Hier waren neue Informationen über den Cthulhu-Kult, mitsamt dem Beweis, dass es sowohl auf See als auch auf dem Festland sonderbare Interessierte gab. Welches Motiv hatte die Hybridenbesatzung, während sie mit ihrem scheußlichen Götzenbild umhersegelte, dazu bewogen, die __Emma__ zurückzuhalten? Was war das für eine unbekannte Insel, auf der sechs Mann von der __Emma__ gestorben waren und über die der Maat Johansen sich in Schweigen hüllte? Was hatte die Untersuchung der Vizeadmiralität ans Licht gebracht und was war in Dunedin über den widerlichen Kult bekannt? Und, am verwunderlichsten: Was war dies für eine tiefsinnige und mehr als natürliche Verkettung von Daten, die den verschiedenen, von meinem Onkel so sorgfältig aufgezeichneten Begebenheiten eine so unheilvolle und mittlerweile unbestreitbare Bedeutsamkeit verlieh?